Montag, 25. Februar 2008

Mein Vater ein Rabe

Mein Vater war ein Rabe. Aus dem furchtbarsten Menschengewimmel konnte ich ihn mir ganz leicht herauspicken. Das war, weil er ein Rabe war.
Einmal verlor ich Papa in einer fremden Stadt. Gerade noch war ich an seiner rechten Hand gegangen und hatte ihm ganz viel erzählt. Was für Leute es in dieser Stadt gab! Plötzlich hatte meine Nase gekitzelt, ich hatte Papa loslassen müssen (an meiner rechten Hand hielt sich nämlich der Bär fest), und mächtig lange meine Nasenspitze mit der linken Hand gerieben. Vielleicht war ich beim Nasereiben langsamer im Gehen geworden oder schneller, die nächste Hand, die ich nun fasste, war nicht Papas. Im Moment des Anfassens hatte ich nicht hingeschaut, denn es gab ja so viele andere Menschen zum Angucken und die lustigen Spiegelpfützen. In einer spiegelte sich ein Damenschuh, der sein Spiegelbild sogleich wieder zerstörte. Andere Schuhe umgingen die Wasser. Papa hatte mir heute Gummistiefel angezogen, obwohl ich sie zuerst nicht haben wollte. Er selbst trug schwarze, glänzende, feine Schuhe. Die sahen immer wie neu aus. Ich drehte für einen Augenblick meinen Kopf, Papas Schuhe zu vergleichen mit meinen roten Stiefeln, die jetzt, da ich gerade durch eine tiefe Pfütze gepatscht war, wie lackiert erschienen. Statt der mir vertrauten feinen schwarzen Schuhe trug der Mensch an meiner linken Hand hellbraune mit Lochmuster im Leder und Schnürsenkeln. Meine Mutter hätte die Schuhe "ausgelatscht" genannt. "Mit solchen ausgelatschten Botten kannst du doch nicht rumlaufen!" sagte sie immer zu meinem großen Bruder. Mit mir schimpfte sie nie wegen der Schuhe. Meine Füße wuchsen so schnell, dass ich zu Beginn jeder Jahreszeit neue brauchte. Ich sah weiter hinauf an der Person zu meiner Linken. Um sein Gesicht zu sehen, musste ich den Kopf ganz tief in meinen Nacken legen. Ich sah sein Profil. Das war wirklich ein Fremder. Ein Mann. Aber wie konnte ich den mit meinem Vater verwechseln? Papa trug heute seinen langen, dunklen Mantel und sah überhaupt viel imposanter aus. Ich ließ den fremden Mann los, da erst schien er mich zu bemerken. Schnell entschwand ich seinen Frageaugen, schlängelte mich an den hohen Beinen der Passanten vorbei. Ich wollte Papa suchen. Und im nächsten Augenblick fesselte mich das Schaufenster eines Spielzeugladens. Hinter der Scheibe zum Anfassen nahe stand auf einem roten Podest ein Bär. Ein automatischer. Er machte Hampelmann ganz automatisch. Ich hielt meinen eigenen Bären dicht an die Scheibe, damit er gut sehen konnte. Dann musste ich lachen. Mit einem Mal näherte sich ein Opa dem Schaufenster von der anderen Seite. Er tauchte aus dem Dunkel des Ladens auf. Durch seine große Brille guckte er hindurch und sah mich an. Ganz kugelrund waren seine Augen. Ich dachte an Mamma, wie sie mir die Frage "Hast du eingekackert?" stellte. Dann bogen sich ihre Augenbrauen fast zu einem geschlossenen Kreis um ihre runden, großen Augen. Der Spielzeugladenopa verzog den Mund und zeigte mir seine riesigen Zähne. Er lächelte. Ich lächelte zurück. Der alte Mann legte den Kopf auf die Seite, schaute mich an und lächelte. Ich lachte und deutete meinem Bären, zu dem Mann hinter der Scheibe zu schauen. Der lächelte automatisch. Plötzlich vernahmen meine Ohren ein besonderes Geräusch. Ich ließ den Mund offen stehen - wohl auch automatisch - und blickte fragend in die Brillenaugen des Mannes.
"Krah", ertönte es. Das war unser Zeichen. Ich wandte mich um und reckte den Kopf, als hätte ich je eine Chance, über die Passanten hinwegzugucken. Ich stieß den Schrei eines sehr kleinen, gesunden Raben aus. Mein Vater antwortete, und nicht lange, da stand er bei mir. Papa schloss mich in seinen weiten Mantel.
Das war, als Papa ein Rabe war.

Kommentare:

mkh hat gesagt…

Einfach sehr schön erzählt. Zauberhaft. Kleine Eindrücke ganz groß. - Und: Ich hätte nicht nur gekrokkt, sondern mich zudem mit meinen Rabenflügeln über alle Köpfe hinweg geschwungen, um mein Kind ja gleich wieder zu finden. Mit dem schwarzen, langen Mantel an sollte das ja auch kein Problem sein.

:Ludwig hat gesagt…

Sehr schön erzählt, hat Spannung und einen poetischen Faden, der durch die auftauchenden Bilder führt. Auflösung krah!, ehe das letzte Bild eine findet ... Fremde Gesichter. Und: keine Angst, was schön ist. Was die Leute sich gedacht haben mögen, wenn ein Mann durch die Menge geht und kroah! ... hihi ... :)