Donnerstag, 14. August 2008
Nachtwanderung
Es war besonders gruselig. Wenn ich solchen Satz lese, gruselt mich das nachfolgende nicht mehr. Anfang August hätte ich hier schon davon schreiben sollen. Denn zu dieser Zeit war es, als wir die Glühwürmchen gesehen haben. Seitdem hat mich niemand mehr dazu gebracht, nächtens in den Wald zu gehen. Er liegt direkt neben meiner Haustür und sieht harmlos aus. Große Tiere lassen sich, wenn ausreichend Licht wäre zu sehen, nicht blicken und die Spuren ihres geheimen Lebens verblassen über den Tag. Eidechsen, Blindschleichen und Ringelnattern entdecke ich so unverhofft, dass ich meinen Augen nicht traue. Ihre Erscheinung ist flüchtig und ihre Lebensform mir fremd. Wesen ohne Fell, mit anderen Augen. Die Vögel höre ich über Tag. Der Specht klopft einfach so, als wäre ich nicht da. Ein winziger Vogel zetert, weil ich in unmittelbarer Nähe seines Nests stehengeblieben bin. Dabei habe ich sein Nest noch nicht einmal in der Nähe vermutet! Eine Wanderung bei Nacht durch jenen harmlosen Wald, wenn die Vögel endlich leise sind, dürfte ein Spaziergang werden. Die eigenen Kinder ein wenig an die Hand nehmen und herumführen: So ist das im Wald, wenn es dunkel ist. Nichts zu sehen. Die Kinder rücken mir ganz schön auf die Pelle: Habt ihr Angst? Ich bin froh, sie bei mir zu haben. Alleine wäre es mir hier zu duster. So kann ich furchtlos lauschen. Verräterisches Knacken rechterhand. Darüber ein einsamer Vogel, der ruft. Er flötet aber nicht so vor sich hin, sondern eher als wolle er eine Mitteilung machen. Dass wir im Wald unterwegs sind. Unsere eigenen Schritte sind viel zu laut, die Kleidung raschelt. Alle wilden Tiere werden einen Bogen um uns machen, schließlich haben sie Ohren. Ein neues Geräusch erregt Alarmbereitschaft bei den Kindern. Ein Schuss hätte kaum anders geklungen. Ich bleibe dabei, dass es nur der Donner eines entfernten Gewitters war. Die Entfernung lässt sich leicht feststellen. Jedoch ist die Lichterscheinung beeindruckend und es braucht viel guten Zuredens, die Umkehrwilligen zu überzeugen, dass wir uns nicht mitten im Gewitter befinden, wo doch das Licht für einen verblüffenden Augenblick den halben Wald erleuchtet hat mit dem gespenstischen Licht einer Energiesparlampe, die gerade erst eingeschaltet worden ist. Auch auf mich machte das Gewitterleuchten Effekt. Es ist wie aus einem Krimi importiert. Jeder in unserer Familie liebt es, Filme zu sehen, und jedem fiel sicherlich gerade eine passende Szene ein. Die Wiederholung vertiefte das Erlebnis. Allerdings würde das geflüsterte Zählen die wilden Tiere nur noch mehr abschrecken. Meine Augen wanderten in der Dunkelheit in dem Versuch, nicht zu blinzeln und auf diese Weise die Lichtblitze abzupassen. Vielleicht entdeckte ich in den lichten Momenten doch noch die Augen oder die schwarze Silhuette eines Fuchses, eines Wildschweins oder eines einfachen Rehs. Es war mir schlicht nicht möglich. Die Zahlenreihen wurden zunehmend kürzer, aber bis zu der Lichtung, auf der wir ganz sicher eine Anzahl Tiere beim Äsen überraschen würden, war es ja nicht mehr weit. Nur noch eine Biegung, hinter der eine weitere wartete. In der Nacht entdeckte ich auch die unbekannten Längen des Weges. Auf der Wiese, die das Ziel unserer nächtlichen Wanderung darstellte, waren tatsächlich Besucher. Nachtleben mit Musik. Ich immitierte ein Gespenst, so froh war ich, keinem begegnet zu sein. Ein Kind stieß Wolfsgeheul aus, von dem ich überrascht war, dass solches in ihm steckte. Mit Schadenfreude registrierte ich, wie von der Mitte der Wiese ein Licht den Waldrand absuchte. Wir hatten ihnen Angst gemacht. Und sie hatten unsere Tiere verscheucht mit ihrer Musik. Erleichtert traten wir unter Blitzlichtgewitter den Rückweg an. Noch war der Weg dunkel, aber bald würden wir das orange Laternenlicht vorm Waldeingang sehen. Rechtzeitig, bevor der Ausgang auftauchte, fiel mir ein, dass eine Überraschung im Dunkeln noch auf uns wartete. Als Kind hatte ich Glühwürmchen mit grünlichem Licht fliegen sehen. Heute glichen die beiden Lichter, die wir an zwei verschiedenen Stellen am Wegesrand auf dem Boden entdeckten, eher einer LED-Leuchte. LED gab es damals noch nicht. Das Licht ging an, leuchtete eine Weile und ging wieder aus. Eine Weile blickten wir ins Schwarze. Kein Zeichen von irgendwas, geschweige denn einem Tier mit Leuchtkraft. Dann wieder der winzige Lichtpunkt, der so faszinierte, weil er aussah, als wäre er mit elektrischem Strom und eben besagter Leuchte erzeugt. Die Lichtquelle unterdessen blieb unsichtbar. Die Gewitterblitze vermochten mir den Insektenkörper leider nicht zu zeigen. Das Zählen der Zeit wurde spannender. Der Wind schwieg, während Blitz und Donner immer näher zusammenrückten. So blieb uns der Grusel über die Waldgrenze hinaus erhalten, zumal zu jener Stunde auch Fledermäuse flogen. Die sieht man jenseits des Waldes, wo sie sich mit ihren typisch geschwungenen Flügelhäuten schwarz gegen den Himmel abzeichnen, viel besser.
Samstag, 2. August 2008
Musikalität
Ich hatte zum Thema bereits etwas geschrieben: entscheidend am musikalischen Verhalten ist die Ich-Beteiligung (vgl. Ribke, 1995). Diese Aussage relativiert meines Erachtens den Begriff von Musikalität, wonach dieselbe eine besondere, messbare Begabung ist.
Meyers Lexikon online führt zum Begriff aus, "Zu den wesentlichen Komponenten der Musikalität zählen das Erkennen von Tonhöhen-, Tondauer- und Tonstärkeunterschieden, das Auffassen und Behalten von Melodien, Rhythmen, Akkorden usw. sowie für die Musikausübung die Fähigkeit der musikalischen Gestaltung und der Geschicklichkeit im Umgang mit einem Musikinstrument."
Ganz sicher zählen wir zum musikalischen Verhalten, Tonhöhen und Tondauern und Tonstärkeunterschiede wahrzunehmen, sprich: Musikhören. Aber ist das Behalten von Melodien und Rhythmen und Akkorden eine musikalische Leistung? Zunächst einmal leistet unser Gedächtnis das und prinzipiell ist jeder Mensch in der Lage, sich Melodien etc. zu behalten, weil jeder seine Gedächtnisleistung darauf hin trainieren kann. Bei der Musikausübung zähle ich den geschicklichen Umgang mit dem Instrument zu einer motorischen Leistung, die kein musikalisches Verhalten voraussetzt. Allein die musikalische Gestaltung wiederum beruht auf musikalischem Verhalten. Wie ein Mensch sich musikalisch verhält, ist seinem Wollen unterworfen. Derjenige, der musikalische Gestaltung wahrnimmt als Musikhörer, ist nicht weniger musikalisch als derjenige, der musikalisch gestaltet, indem er Töne produziert. Musikhören ist letztendlich auch musikalisches Gestalten. Wobei: wir hören Gestalten in dem was wir hören, dass uns zu dem Schluss kommen lässt, das wäre Musik. Wir haben gelernt, Mozart zu hören und Haydn und Thelonius Monk und Bach. Als ich mit 32 meine erste Wagner Oper "Der fliegende Holländer" hörte (und sah), erkannte ich die Musik gleich wieder - ich hatte ähnliches bei unzähligen Filmen gehört. Das Zirpen der Grillen nehme ich nicht als Musik wahr, sondern als bloßes Hintergrundgeräusch. Ich kann da absolut nichts raushören, was es mir erleichtern würde, es als Musik aufzunehmen. Anderen Menschen kann es mit diesem Zirpen durchaus anders gehen und meiner Oma geht es mit "Überjam" von John Scofield so wie mir mit dem Zirpen der Grillen.
Ich will darauf hinaus, dass Musikalität eine allgemeine Begabung ist. Sie ist Menschen grundsätzlich eigen. Wo ein Mensch sich mit dieser Gabe hinbewegt, ist abhängig von seinem Wollen. Nicht Musikalität lässt sich messen. Feststellen lassen sich Unterschiede, wohin Menschen ihre Aufmerksamkeit richten, auf Rhythmen oder Melodien oder beides, auf akkustische Ereignisse und Klangeigenschaften, aufs Hören, aufs Klangerzeugen, manche setzen gehörte Musik sofort in Bewegung um, manche singen sofort mit, Menschen entwickeln Vorlieben für bestimmte Instrumente, Menschen verlagern den Ausdruck ihrer Selbst in die Musik, andere aufs Schreiben, viele nutzen beide Möglichkeiten.
Musikalität ist m.E. nicht mehr und nicht weniger als die Fähigkeit des Menschen, einen Bezug zu Musik herzustellen. Theoretisch ist der unmusikalisch, der diesen Bezug aufgrund fehlender Wahrnehmungsmöglichkeit nicht herzustellen vermag.
Ribke führt den Leser in dem Teil ihres Buches, der die anthropologische Grundlegung ihres Konzepts einer Elementaren Musikpädagogik ausmacht, an die Wurzeln der allgemeinen musikalischen Begabung. An früheste Sinneseindrücke, elementare Lebenserfahrungen, kann der Mensch in der Musik/mit Musik anknüpfen. Und weil er bestrebt ist, eine Brücke zu jenen frühen Eindrücken zu bauen, sucht er unter anderem die Musik auf. Ribke zählt drei Wahrnehmungsmöglichkeiten des Menschen zu den musikalischen Kernsinnen: den auditiven Sinn, den kinästhetischen Sinn und die taktile und haptische Sensibilität bzw. cutanen Sinn. Für diese drei Sinne, über die der Mensch eine Verbundenheit zur Musik herstellt, werden schon in der Embryonalentwicklung die sensorischen Grundmuster gelegt. Sensorische Grundmusster werden als grundlegende Wahrnehmungsmuster noch vor der Ausreifung des zentralen Nervensystems geprägt. Sie stehen in engem Zusammenhang mit den pränatalen Milieubedingungen. Grundlegende Wahrnehmungsmuster/sensorische Grundmuster haben ihre Bedeutung für den Menschen als Matrizen (Stanislav Grof), in denen die Erlebnisverarbeitung und Welterfahrung für ein ganzes Menschenleben vorgeprägt sind. Der Grund, dass Menschen bewusst oder unbewusst Musik aufsuchen, ist in den vorgeburtlich ausgebildeten Urmatrizen (Ribke) zu finden.
Die Definition aus Meyers Lexikon online zählt Möglichkeiten auf, die in Zusammenhang mit musikalischem Verhalten stehen können. Eine Verbundenheit zu einer Musik herzustellen, was Musikalität m.E. ausmacht, braucht es aber keine Kenntnisse über ein Bezugssystem von Tönen, keine Merkfähigkeit für Melodien, keine Spezialkenntnisse auf einem Instrument.
wird noch fortgesetzt
Literatur: Ribke, Juliane (1995) Elementare Musikpädagogik. Persönlichkeitsbildung als musikerzieherisches Konzept. Regensburg
Meyers Lexikon online führt zum Begriff aus, "Zu den wesentlichen Komponenten der Musikalität zählen das Erkennen von Tonhöhen-, Tondauer- und Tonstärkeunterschieden, das Auffassen und Behalten von Melodien, Rhythmen, Akkorden usw. sowie für die Musikausübung die Fähigkeit der musikalischen Gestaltung und der Geschicklichkeit im Umgang mit einem Musikinstrument."
Ganz sicher zählen wir zum musikalischen Verhalten, Tonhöhen und Tondauern und Tonstärkeunterschiede wahrzunehmen, sprich: Musikhören. Aber ist das Behalten von Melodien und Rhythmen und Akkorden eine musikalische Leistung? Zunächst einmal leistet unser Gedächtnis das und prinzipiell ist jeder Mensch in der Lage, sich Melodien etc. zu behalten, weil jeder seine Gedächtnisleistung darauf hin trainieren kann. Bei der Musikausübung zähle ich den geschicklichen Umgang mit dem Instrument zu einer motorischen Leistung, die kein musikalisches Verhalten voraussetzt. Allein die musikalische Gestaltung wiederum beruht auf musikalischem Verhalten. Wie ein Mensch sich musikalisch verhält, ist seinem Wollen unterworfen. Derjenige, der musikalische Gestaltung wahrnimmt als Musikhörer, ist nicht weniger musikalisch als derjenige, der musikalisch gestaltet, indem er Töne produziert. Musikhören ist letztendlich auch musikalisches Gestalten. Wobei: wir hören Gestalten in dem was wir hören, dass uns zu dem Schluss kommen lässt, das wäre Musik. Wir haben gelernt, Mozart zu hören und Haydn und Thelonius Monk und Bach. Als ich mit 32 meine erste Wagner Oper "Der fliegende Holländer" hörte (und sah), erkannte ich die Musik gleich wieder - ich hatte ähnliches bei unzähligen Filmen gehört. Das Zirpen der Grillen nehme ich nicht als Musik wahr, sondern als bloßes Hintergrundgeräusch. Ich kann da absolut nichts raushören, was es mir erleichtern würde, es als Musik aufzunehmen. Anderen Menschen kann es mit diesem Zirpen durchaus anders gehen und meiner Oma geht es mit "Überjam" von John Scofield so wie mir mit dem Zirpen der Grillen.
Ich will darauf hinaus, dass Musikalität eine allgemeine Begabung ist. Sie ist Menschen grundsätzlich eigen. Wo ein Mensch sich mit dieser Gabe hinbewegt, ist abhängig von seinem Wollen. Nicht Musikalität lässt sich messen. Feststellen lassen sich Unterschiede, wohin Menschen ihre Aufmerksamkeit richten, auf Rhythmen oder Melodien oder beides, auf akkustische Ereignisse und Klangeigenschaften, aufs Hören, aufs Klangerzeugen, manche setzen gehörte Musik sofort in Bewegung um, manche singen sofort mit, Menschen entwickeln Vorlieben für bestimmte Instrumente, Menschen verlagern den Ausdruck ihrer Selbst in die Musik, andere aufs Schreiben, viele nutzen beide Möglichkeiten.
Musikalität ist m.E. nicht mehr und nicht weniger als die Fähigkeit des Menschen, einen Bezug zu Musik herzustellen. Theoretisch ist der unmusikalisch, der diesen Bezug aufgrund fehlender Wahrnehmungsmöglichkeit nicht herzustellen vermag.
Ribke führt den Leser in dem Teil ihres Buches, der die anthropologische Grundlegung ihres Konzepts einer Elementaren Musikpädagogik ausmacht, an die Wurzeln der allgemeinen musikalischen Begabung. An früheste Sinneseindrücke, elementare Lebenserfahrungen, kann der Mensch in der Musik/mit Musik anknüpfen. Und weil er bestrebt ist, eine Brücke zu jenen frühen Eindrücken zu bauen, sucht er unter anderem die Musik auf. Ribke zählt drei Wahrnehmungsmöglichkeiten des Menschen zu den musikalischen Kernsinnen: den auditiven Sinn, den kinästhetischen Sinn und die taktile und haptische Sensibilität bzw. cutanen Sinn. Für diese drei Sinne, über die der Mensch eine Verbundenheit zur Musik herstellt, werden schon in der Embryonalentwicklung die sensorischen Grundmuster gelegt. Sensorische Grundmusster werden als grundlegende Wahrnehmungsmuster noch vor der Ausreifung des zentralen Nervensystems geprägt. Sie stehen in engem Zusammenhang mit den pränatalen Milieubedingungen. Grundlegende Wahrnehmungsmuster/sensorische Grundmuster haben ihre Bedeutung für den Menschen als Matrizen (Stanislav Grof), in denen die Erlebnisverarbeitung und Welterfahrung für ein ganzes Menschenleben vorgeprägt sind. Der Grund, dass Menschen bewusst oder unbewusst Musik aufsuchen, ist in den vorgeburtlich ausgebildeten Urmatrizen (Ribke) zu finden.
Die Definition aus Meyers Lexikon online zählt Möglichkeiten auf, die in Zusammenhang mit musikalischem Verhalten stehen können. Eine Verbundenheit zu einer Musik herzustellen, was Musikalität m.E. ausmacht, braucht es aber keine Kenntnisse über ein Bezugssystem von Tönen, keine Merkfähigkeit für Melodien, keine Spezialkenntnisse auf einem Instrument.
wird noch fortgesetzt
Literatur: Ribke, Juliane (1995) Elementare Musikpädagogik. Persönlichkeitsbildung als musikerzieherisches Konzept. Regensburg
Dienstag, 15. Juli 2008
Rechtsstaat ohne Erbarmen
Der Niedersächsische Flüchtlingsrat bemüht sich schon seit drei Jahren um das Rückkehrrecht für Gazale Salame. Die Frau war als Kind! mit ihren Eltern aus dem Libanon nach Deutschland geflüchtet. Sie ging hier zur Schule und gründete als Erwachsene eine Familie. Dann forderten die deutschen Behörden sie zur Ausreise aus Deutschland auf mit der Begründung, Gazale Salames Eltern! hätten bei der Einwanderung vor 16 Jahren falsche Tatsachen angegeben und Salames Aufenthalt in Deutschland sei somit rechtswidrig. In den Libanon kann Gazale Salame aus politschen Gründen nicht zurück, aber in die Türkei sollte sie abgeschoben werden. Die schwangere Gazale Salame reiste nicht freiwillig aus. In einer unangekündigten Aktion wurde sie zusammen mit ihrem jüngsten Kind, einem Säugling, von der Polizei aus ihrer Wohnung geholt und zum Flug in die Türkei gezwungen. Zum Zeitpunkt dieses Polizeiüberfalls war der Mann Gazale Salames gerade unterwegs, die zwei älteren Töchter zur Schule zu bringen.
Ich verlinke an dieser Stelle einen Film, in dem unter anderm der Vorsitzende des Niedersächsischen Flüchtlingsrats Kai Weber und Gazale Salames Mann zu Wort kommen, sowie der niedersächsische Innenminister, der gegenüber den Engagierten für Flüchtlingsrechte den deutschen Rechtsstaat verteidigt.
Ich verlinke an dieser Stelle einen Film, in dem unter anderm der Vorsitzende des Niedersächsischen Flüchtlingsrats Kai Weber und Gazale Salames Mann zu Wort kommen, sowie der niedersächsische Innenminister, der gegenüber den Engagierten für Flüchtlingsrechte den deutschen Rechtsstaat verteidigt.
Montag, 14. Juli 2008
Das Elementare bei Orff und Ribke
Das Werk der 2006 verstorbenen Juliane Ribke wird als bahnbrechend und grundlegend für die Weiterentwicklung der Elementaren Musikpädagogik und im besonderen für die musikalische Früherziehung bezeichnet. (neue musikzeitung 10/06, nmz 10/06) Carl Orff (1895-1982) ist bekannt als Begründer der Elementarmethode in der musikalischen Unterrichtung. Er wird selbstverständlich auch von Ribke nicht ausgelassen. Nicht nur, dass seine musikpädagogische Idee eine wichtige Brücke zur heute praktizierten und institutionalisierten Musikalischen Früherziehung darstellt (vgl. Ribke 1994, S.102), Ribke nähert sich auch dem Begriff des Elementaren über Orff. Wenn Ribke dann in ihrem Buch fortfährt, das Elementare zu ergründen, zieht sie wissenschaftliche Forschung zu Rate, die Orff so nicht aufgegriffen hat, weil sie ihm zum großen Teil auch noch gar nicht zur Verfügung gestanden hat. Im Prinzip ist Ribkes Annäherungsweise - ich selbst sehe es so, dass es immer nur eine Näherung geben kann, nie ein vollständiges Begreifen des Elementaren - eine konsequente Fortführung von Orffs Gedanken.
Orff geht von einem musikalischen Verhalten aus, "das zuerst musizierte, ohne von einem künstlichen und rationalen System der Musikform abhängig zu sein." (Liess 1955, S.61) Er führt in sein Schulwerk als didaktische Kategorie das ontogenetische Prizip ein, "[...] wonach das stammesgeschichtlich Ältere [...] auch das Elementare und damit zugleich das in der individuellen Entwicklung Frühere sein müsse." (Gruhn 1993, S.231) In Band I seines Schulwerks geht es um Rhythmus und die Erschließung des Fünftonraums. Band II und III führen in die Dur-Tonarten und erst die letzten beiden Bände in die Molltonarten ein, wobei jeweils die Bordun-Stufen vor den Dominanten Gegenstand der Beschäftigung sind.
Ribke führt Orffs Gedanken des ontogenetischen Prinzips anders weiter als Orff selbst, finde ich, auch wenn Ribke selbst überhaupt keine Bemerkung über ein unterschiedliches Vorgehen fallen lässt. Der Individualentwicklung des Menschen folgend und der Annahme, dass das Elementare Grundlegendes meint, legt Ribke grundlegende Prozesse in der menschlichen Entwicklung frei.
"Wir sehen das Elementare als ein Prinzip an, das unabhängig vom Materialbereich wirksam wird, wenn Verhalten oder Darstellungsformen Grundstrukturen repräsentieren, in denen das Ganze unabhängig von Fülle enthalten ist." (Ribke 1995, S.35)
Ribke fokussiert nicht das Material in ihrem Konzept Elementarer Musikpädagogik. Sie setzt sich mit Material auseinander, aber sie lenkt nicht zuerst den Blick darauf, welches musikalische Material und welche Instrumente den Ursprüngen am nächsten seien. Orff, scheint es mir, hat sich sehr oft von seiner Inspiration leiten lassen, wenn er etwas dem Elementaren zuordnete. "Für mich und mein späteres Werk bedeutete die Kunst Mary Wigmans viel. [...] Sie konnte mit ihrem Körper musizieren und Musik in Körperlichkeit umsetzen. Ihren Tanz empfand ich als elementar." (Orff 1976, S.9) Das Instrumentarium suchte Orff seiner Inspiration folgend aus, "[...] exotische Schlaginstrumente und Flöten [...], die, fernöstlichen Kulturen entstammend, alle dem Tanz verbunden waren und ihm entsprachen" (ebenda). Orff ließ sich auch fachlich beraten, und zwar von Curt Sachs (1881-1959), dem Leiter der Staatlichen Musikinstrumentensammlung in Berlin (bis 1933). Die Blockflöte lehnte er solange ab, bis Sachs ihm erklärte "[...] dass Funde von Frühformen der Blockflöte (Knochenflöten) in Nordeuropa seit der Steinzeit nachweisbar sind [...]" (Orff 1976, S.97). Genaugenommen suchte Orff das Elementare als das Ursprüngliche in der stammesgeschichtlichen Entwicklung des Menschen und nicht in seiner Ontogenese. Insofern gilt, dass die Ontogenese des Menschen seine Phylogenese rekapituliert, insofern ist es logisch, dass Orff die Phylogenese betrachtet, um etwas über die Ontogenese zu erfahren.
Ribke bleibt bei der Betrachtung der Ontogenese und stützt sich dabei auf die Forschungsergebnisse des Embryologen Erich Blechschmidt. Erst aus der Ontogenese leitet sie dann überindividuelle, universelle Prinzipien ab. Nach Blechschmidt sind die biomechanischen Gestaltungsvorgänge beim Zellwachstum, der Zellvermehrung und -differenzierung die Ursache frühester individueller Erfahrung von dynamischen Gestaltungsvorgängen. Gleichzeitig sind biomechanische Gestaltungsvorgänge als grundlegende Formungsprinzipien überindividueller Natur und bilden eine universelle Erfahrungsgrundlage (vgl. Ribke 1995, S.53ff.). Ribke geht von der Annahme aus, dass Leib und Geist eine Einheit bilden und daher die fundamentalen Gestaltungsvorgänge innerhalb der organismischen Genese ebenso fundamental in der psychosozialen Entwicklung des Menschen sind. An diese Annahmen anknüpfend, ist dann nicht vordergründig das Material von Bedeutung, sondern dessen Darbietung. Letztlich wichtig ist die Anbindung der Inhalte musikalischer Früherziehung an Erfahrungen des Einzelnen. Externe Impulse, so Ribke, müssen immer im Diensete interner Prozesse stehen, "[...] dass sie inneren Motiven Form und Inhalt verleihen." (S.61)
In Orffs Vorstellung existieren naturgegebene primäre Ausdruckswelten, die sich das Kind improvisatorisch erschließt. Bei Ribke sind es die Erfahrungsgrundlagen, an die die Elementare Musikpädagogik anschließt, wodurch das Kind bei sich selbst bleiben bzw. zu sich selbst finden kann.
Literatur:
Gruhn, Wilfried (1993) Geschichte der Musikerziehung. Hofheim.
Liess, Andreas (1955) Carl Orff. Zürich.
Orff, Carl (1976) Carl Orff und sein Werk. Dokumentation. Teil III: Schulwerk. Elementare Musik. Tutzing.
Ribke, Juliane (1994) Musikalische Früherziehung. In: Richter, Christoph (Hg.) (1994) Handbuch der Musikpädagogik Bd. 3 Kassel, Basel, London. S. 94-125
Ribke, Juliane (1995) Elementare Musikpädagogik. Persönlichkeitsbildung als musikerzieherisches Konzept. Regensburg.
Orff geht von einem musikalischen Verhalten aus, "das zuerst musizierte, ohne von einem künstlichen und rationalen System der Musikform abhängig zu sein." (Liess 1955, S.61) Er führt in sein Schulwerk als didaktische Kategorie das ontogenetische Prizip ein, "[...] wonach das stammesgeschichtlich Ältere [...] auch das Elementare und damit zugleich das in der individuellen Entwicklung Frühere sein müsse." (Gruhn 1993, S.231) In Band I seines Schulwerks geht es um Rhythmus und die Erschließung des Fünftonraums. Band II und III führen in die Dur-Tonarten und erst die letzten beiden Bände in die Molltonarten ein, wobei jeweils die Bordun-Stufen vor den Dominanten Gegenstand der Beschäftigung sind.
Ribke führt Orffs Gedanken des ontogenetischen Prinzips anders weiter als Orff selbst, finde ich, auch wenn Ribke selbst überhaupt keine Bemerkung über ein unterschiedliches Vorgehen fallen lässt. Der Individualentwicklung des Menschen folgend und der Annahme, dass das Elementare Grundlegendes meint, legt Ribke grundlegende Prozesse in der menschlichen Entwicklung frei.
"Wir sehen das Elementare als ein Prinzip an, das unabhängig vom Materialbereich wirksam wird, wenn Verhalten oder Darstellungsformen Grundstrukturen repräsentieren, in denen das Ganze unabhängig von Fülle enthalten ist." (Ribke 1995, S.35)
Ribke fokussiert nicht das Material in ihrem Konzept Elementarer Musikpädagogik. Sie setzt sich mit Material auseinander, aber sie lenkt nicht zuerst den Blick darauf, welches musikalische Material und welche Instrumente den Ursprüngen am nächsten seien. Orff, scheint es mir, hat sich sehr oft von seiner Inspiration leiten lassen, wenn er etwas dem Elementaren zuordnete. "Für mich und mein späteres Werk bedeutete die Kunst Mary Wigmans viel. [...] Sie konnte mit ihrem Körper musizieren und Musik in Körperlichkeit umsetzen. Ihren Tanz empfand ich als elementar." (Orff 1976, S.9) Das Instrumentarium suchte Orff seiner Inspiration folgend aus, "[...] exotische Schlaginstrumente und Flöten [...], die, fernöstlichen Kulturen entstammend, alle dem Tanz verbunden waren und ihm entsprachen" (ebenda). Orff ließ sich auch fachlich beraten, und zwar von Curt Sachs (1881-1959), dem Leiter der Staatlichen Musikinstrumentensammlung in Berlin (bis 1933). Die Blockflöte lehnte er solange ab, bis Sachs ihm erklärte "[...] dass Funde von Frühformen der Blockflöte (Knochenflöten) in Nordeuropa seit der Steinzeit nachweisbar sind [...]" (Orff 1976, S.97). Genaugenommen suchte Orff das Elementare als das Ursprüngliche in der stammesgeschichtlichen Entwicklung des Menschen und nicht in seiner Ontogenese. Insofern gilt, dass die Ontogenese des Menschen seine Phylogenese rekapituliert, insofern ist es logisch, dass Orff die Phylogenese betrachtet, um etwas über die Ontogenese zu erfahren.
Ribke bleibt bei der Betrachtung der Ontogenese und stützt sich dabei auf die Forschungsergebnisse des Embryologen Erich Blechschmidt. Erst aus der Ontogenese leitet sie dann überindividuelle, universelle Prinzipien ab. Nach Blechschmidt sind die biomechanischen Gestaltungsvorgänge beim Zellwachstum, der Zellvermehrung und -differenzierung die Ursache frühester individueller Erfahrung von dynamischen Gestaltungsvorgängen. Gleichzeitig sind biomechanische Gestaltungsvorgänge als grundlegende Formungsprinzipien überindividueller Natur und bilden eine universelle Erfahrungsgrundlage (vgl. Ribke 1995, S.53ff.). Ribke geht von der Annahme aus, dass Leib und Geist eine Einheit bilden und daher die fundamentalen Gestaltungsvorgänge innerhalb der organismischen Genese ebenso fundamental in der psychosozialen Entwicklung des Menschen sind. An diese Annahmen anknüpfend, ist dann nicht vordergründig das Material von Bedeutung, sondern dessen Darbietung. Letztlich wichtig ist die Anbindung der Inhalte musikalischer Früherziehung an Erfahrungen des Einzelnen. Externe Impulse, so Ribke, müssen immer im Diensete interner Prozesse stehen, "[...] dass sie inneren Motiven Form und Inhalt verleihen." (S.61)
In Orffs Vorstellung existieren naturgegebene primäre Ausdruckswelten, die sich das Kind improvisatorisch erschließt. Bei Ribke sind es die Erfahrungsgrundlagen, an die die Elementare Musikpädagogik anschließt, wodurch das Kind bei sich selbst bleiben bzw. zu sich selbst finden kann.
Literatur:
Gruhn, Wilfried (1993) Geschichte der Musikerziehung. Hofheim.
Liess, Andreas (1955) Carl Orff. Zürich.
Orff, Carl (1976) Carl Orff und sein Werk. Dokumentation. Teil III: Schulwerk. Elementare Musik. Tutzing.
Ribke, Juliane (1994) Musikalische Früherziehung. In: Richter, Christoph (Hg.) (1994) Handbuch der Musikpädagogik Bd. 3 Kassel, Basel, London. S. 94-125
Ribke, Juliane (1995) Elementare Musikpädagogik. Persönlichkeitsbildung als musikerzieherisches Konzept. Regensburg.
Dienstag, 1. Juli 2008
Sumpfsimse
Obige Sumpfsimse wächst auf zeitweise überschwemmten oder sehr nassfeuchtem Gebiet. In diesen Wochen ist der Boden fast ausgetrocknet. Die Pflanze hat oben, wie auf dem Bild zu sehen, diese von einem Zentrum aus in alle Richtungen sprießenden grünen Halme, aus denen an der Spitze die Blüte tritt. Unterhalb des grünen Schopfes ist noch ein hoher Sockel, der auch zur Pflanze gehört, den ich aber mit der unzureichenden Digitalkamera nicht aufs Bild bekommen konnte. Das Grün sprießt also nicht direkt aus dem Erdboden - die Wiese ist tiefer, als es auf den ersten Blick scheint.
Sonntag, 29. Juni 2008
Buchbesprechung
Es geht um Millionen. Der englische Autor Frank Cottrell Boyce zeigt, wie schwer es für Kinder ist, sinnvoll über eine Menge Geld zu verfügen, wenn sie nicht gleichberechtigt am Leben der erwachsenen Menschen teilhaben können. Die Kinder in Boyce' Geschichte haben nur begrenzt Zeit, das Geld, das ihnen weiß der Himmel woher zugefallen ist, auszugeben. Denn in etwas mehr als zwei Wochen wird es wegen der Währungsumstellung keinen Wert mehr haben. Für Erwachsene wäre es kein Problem, das Geld in großen Mengen auszugeben. Aber Kinder sollten sich dabei nicht erwischen lassen. Würde ihnen denn auch nur einer glauben, dass sie das Geld ohne Zutun erhalten haben? Und wenn ja, wer würde nicht so moralisch sein und den Geldfund der Polizei melden? Beide Fragen enthält das Buch unausgesprochen. Es wird auch nicht ausgeschrieben, dass es mit der Moral, die Erwachsene gerne predigen, nicht weit her ist. Das wird beschrieben. Wie die Angehörigen einer Glaubensgemeinschaft, die sich aus Glaubensgründen ein Leben in materieller Beschränkung auferlegen, mit dem Geld, das sie aus unerfindlichen Gründen in ihrem Briefkasten finden, ihre Wohnung mit Fernseher, Geschirrspüler und anderen elektrischen Geräten aufrüsten. Sie erklären der Polizei die wundersame Herkunft des Geldes mit einem Wunder. Nur Damian, der die Geschichte aus seiner Sicht erzählt, glaubt wirklich an Wunder. Von ihm wäre die Erklärung mit dem Wunder keine Lüge. Außer für Spielzeug, bei dem die Kinder feststellen, dass es viel zu schnell kaputt geht oder öde ist, versucht Damian, das Geld in eine Immobilie zu investieren, eingesperrte Tiere damit zu befreien und das Geld zu spenden. Es funktioniert wahrscheinlich nur im Buch, dass der Verkäufer in der Zoohandlung einem Kind eine Menge Vögel verkauft, die eine ganze Voliere füllen könnte. Alle anderen Versuche, das Geld sinnvoll auszugeben scheitern, der Immobilienkauf wie die Spende. Da werden Kinder für unzurechnungsfähig erklärt, wenn sie große Mengen Geld spenden, andererseits sind sie die Adressaten einer Spendeneintreiberin. Selbige erklärt hinter den Kulissen, dass sie ihren Job lieber schmeißen würde. Das Leben der Erwachsenen ist nicht das, was es scheint. Selbst der hardworking Familienvater entwickelt am Ende noch ungahnte kriminelle Energie. Durchweg witzig und doch mit dem Ernst des Lebens beladen, liest sich dieses Buch. Wie Inflation an einer Schule funktioniert und noch mehr über Heilige lasst euch besser von Damian erzählen.
Frank Cottrell Boyce: Millionen. (Das Leben ist voller Wunder) aus dem Englischen von Salah Naoura. Erschienen im Carlsen Verlag, 2004 Hamburg
Frank Cottrell Boyce: Millionen. (Das Leben ist voller Wunder) aus dem Englischen von Salah Naoura. Erschienen im Carlsen Verlag, 2004 Hamburg
Sonntag, 22. Juni 2008
Basale Kommunikation nach Winfried Mall
Angestoßen durch das unerzogen-Magazin, dessen Heft 2/08 Kommunikation zum Leitthema hat, schreibe ich hier über die "Basale Kommunikation" nach Winfried Mall.
Winfried Mall (geb. 1952) (Heilpädagoge, Ausbildung in Integrativer Körpertherapie, Praxisbegleiter in Einrichtungen der Behindertenhilfe, Qualitätsbeauftragter in Einrichtungen der Jugend- und Behindertenhilfe, Supervisor, Autor) entwickelte das Konzept der Basalen Kommunikation selbst. Den Begriff "Basale Kommunikation" verwendet Mall meines Wissens erstmals in einer Veröffentlichung 1980 (Mall 1980, S.298)
Kommunikationsmodelle
Mall will Kommunikation in einem sehr weiten Sinn verstanden wissen, wonach der Satz Paul Watzlawicks gilt, dass man nicht nicht kommunizieren kann. Er legt aber auf die Unterscheidung zwischen negativer und positiver Kommunikation Wert. Negative Kommunikation verhindert eine Verbindung zwischen Mensch und Umwelt oder bricht sie ab, positive Kommunikation schafft Beziehung und ermöglicht Verständigung (vgl. Mall 1992, S.23).
Es gibt verschiedene Ansätze oder Modelle von dem, was Kommunikation kennzeichnet. Mall stellt zwei Kommunikationsmodelle vor, die dem Konzept der Basalen Kommunikation zugrundeliegen.
Das erste Modell beschreibt die Dynamik menschlicher Interaktion mit der Welt als Wechselspiel zwischen Einflussnahme ("Ich passe die Umwelt mir an.") und Anpassung ("Ich passe mich der Umwelt an.") (vgl. Mall 2006, S.2). Es geht zurück auf Piaget, der die Begriffe Assimilation und Akkomodation in diesem Zusammenhang prägte.
Das zweite Modell beschreibt Kommunikation als einen Kreislauf, der durch das wechselseitige Sich-aufeinander-Beziehen der beteiligten Kommunikationspartner in Gang gehalten wird. Dabei liegt der erste Schritt bei einem selbst/mir, so Mall. Der Andere zeigt ein Verhalten. Ich nehme sein Tun als Äußerung wahr und antworte darauf mit einem passenden Tun, wobei die Betonung auf "passend" liegt. Auf diese Weise erlebt der Andere Antwort auf sein Tun. Der Kreislauf schließt sich, indem der Andere auf meine Antwort ein Verhalten zeigt und ich dies als Äußerung wahrnehme. (vgl. Mall 2006, S.3)
Was ist Basale Kommunikation
Basale Kommunikation bezeichnet eine spezifische Vorgehensweise zum Aufbau einer Kommunikation mit Menschen, die nicht über verbale oder andere, Symbole benutzende Kommunikationsweisen kommunizieren können. Mall nennt insbesondere Menschen mit schwerer geistiger Behinderung, Menschen mit ausgeprägtem autistischen Verhalten und eingeschränkter Sprechfähigkeit, Menschen mit Wachkoma und apallischem Syndrom sowie Menschen mit geronto-psychiatrischen Zuständen im Sinne einer Demenz. Bei Menschen ohne Behinderung kann die basale Kommunikation im Sinne einer psychosomatischen Selbst- und Partnererfahrung eingesetzt werden.
Die Basale Kommunikation benutzt körperliche Verhaltensweisen der Person, zu der es Kontakt aufzunehmen gilt, zur Kommunikation mit dieser Person. Die Verhaltensweisen, insbesondere die Atmung, Bewegungen des ganzen Körpers und/oder des Kopfes, der Arme, Hände und Beine sowie Lautäußerungen, werden aufgegriffen, widergespiegelt und variiert. Es werden also ähnliche Verhaltensweisen angeboten, um die Kommunikation anzuregen und einen Kreislauf der Kommunikation in Gang zu bringen (vgl. Mall 2001, S.19). Der Körperkontakt zwischen den Kommunikationspartnern spielt immer auch eine Rolle.
Das Konzept der Basalen Kommunikation beruht auf einer Analogiebildung zu der Kommunikationsentwicklung, die in den ersten Lebensmonaten des nicht behinderten Säuglings zu beobachten ist.
Eigene Beobachtungen
Bei der Verständigung mit meinem Baby habe ich nachvollzogen, was basale Kommunikation ist. Körperkontakt spielt eine wichtige Rolle, denn über den nahen Kontakt, nehme ich vieles am Kind wahr, teilt sich mir vieles mit, was das Kind mir auf andere Weise nicht beschreiben kann. Ich spüre seinen Spannungszustand in Armen und Beinen und Rückgrat, fühle seine Atmung, ob es warm ist oder kalt. Auf diese Mitteilungen reagiere ich nicht nur mit der Stimme, sondern mit meinem ganzen Körper und fühle direkt die Reaktion des Kindes darauf. Mein eigener ruhiger, tiefer Atem könnte das Kind beruhigen. Vielleicht nimmt das Kind eine Wiegebewegung auf und ich führe sie mit ihm gemeinsam fort. Wenn das Kind mit seiner Stimme Laute malt, gebe ich sie wieder in kleineren oder größeren Abwandlungen. Über den Tonfall der Laute teilen sich mir Emotionen mit. Das, was sich mir vermeintlich mitgeteilt hat, lege ich in meine kreative Nachahmung, die doch eher eine Erwiderung als eine Nachahmung und in keinem Fall ein Nachäffen ist, hinein. Steigt das Kind darauf ein, habe ich eine gewisse Rückmeldung, wie weit meine Interpretationen der kindlichen Äußerung, zutreffen. Auf jeden Fall, ob über Körperkontakt allein oder über die Stimme, aber auch mit anderen Mitteln (z.B. Aufnehmen einer Bewegung ohne Körperkontakt), ist ein Dialog da, eine Verbindung von Mensch zu Mensch.
Ich habe für mich festgestellt, dass ich Elemente basaler Kommunikation auch bei der Verständigung mit älteren Kindern und Erwachsenen einbringe. Es gehört dazu, mich auf mein Gegenüber einzustimmen. Es ist eine Weise, mich einzufühlen in den Anderen.
Zum Beispiel ist es ein allgemein beobachtbares Phänomen, dass der Zuhörer mit seinem Stimmapparat in gewissen Grenzen nachvollzieht, wie ein Anderer spricht oder singt. Allein das Hören einer entspannten, lockeren Stimme kann Verspannungen im eigenen Kehlkopfbereich lösen helfen. Auch beobachtbar ist, wie der Tonfall eines Gesprächspartners bei seinem Gegenüber Erwiderung findet. Solche Dinge provozieren wir im Gespräch miteinander nicht bewusst, sonst wäre es je nach Situation wirklich komisch bis unangenehm für den einen oder anderen Gesprächspartner.
Ich denke, es gehört zum Elementaren von Kommunikation, dass die Kommunikationspartner mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln nachvollziehen, was der Andere ausdrückt. Atmung, Mimik, Gestik und Stimmbänder und Gebärde kommen auf diese Weise zum Einsatz. Rittelmeyer könnte hierin ein Beispiel dafür sehen, wie der Körper als Organ des Verstehens arbeitet und eben nicht nur die sog. Schaltzentrale, das Gehirn. Zwar ist es Allgemeingut, dass nicht nur über Sprache kommuniziert wird, aber dennoch scheint uns der Zugang zu Menschen verschlossen, die nicht über Sprache oder Zeichensprache oder ein anderes Symbolsystem kommunizieren, zumal wenn ihre Körperhaltung, ihr Blick oder ihre Mimik unseren Erwartungen an einen Gesprächspartner völlig widersprechen. Die Basale Kommunikation nach Winfried Mall macht Wissen um das Elementare nutzbar für den Zugang zu solchen Menschen.
Buch-Literatur:
Mall, Winfried (1992) Kommunikation mit schwer geistig behinderten Menschen. Ein Werkheft. (2. Aufl.) Heidelberg
Nienhoff, Dieter/Greving, Heinrich (Hrsg.) (2005) Basale Stimulation und Kommunikation. Berlin
Texte aus Fachzeitschriften und Vorträgen:
Mall, Winfried (2006) Sensomotorische Lebensweisen - ein Verständniskonzept für Menschen mit geistiger Behinderung. In: heilpädagogik.de, Fachzeitschrift des Berufsverbands der Heilpädagogen. 20.Jg. Heft 3+4/2005. überarbeitete Fassung vom 12. April 2006 auf winfried-mall.de/pdf/verstaendniskonzept.pdf
ders. (2001) Was von diesen Menschen kommt, passt zu uns - Basale Kommunikation. In: Orientierung - Fachzeitschrift der Behindertenhilfe. 2/2001. S.17-19
ders. (1980) Entspannungstherapie mit Thomas. Erste Schritte auf einem neuen Weg. In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie. 29. Jg. Heft 8/1980. S.298-301
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Winfried Mall (geb. 1952) (Heilpädagoge, Ausbildung in Integrativer Körpertherapie, Praxisbegleiter in Einrichtungen der Behindertenhilfe, Qualitätsbeauftragter in Einrichtungen der Jugend- und Behindertenhilfe, Supervisor, Autor) entwickelte das Konzept der Basalen Kommunikation selbst. Den Begriff "Basale Kommunikation" verwendet Mall meines Wissens erstmals in einer Veröffentlichung 1980 (Mall 1980, S.298)
Kommunikationsmodelle
Mall will Kommunikation in einem sehr weiten Sinn verstanden wissen, wonach der Satz Paul Watzlawicks gilt, dass man nicht nicht kommunizieren kann. Er legt aber auf die Unterscheidung zwischen negativer und positiver Kommunikation Wert. Negative Kommunikation verhindert eine Verbindung zwischen Mensch und Umwelt oder bricht sie ab, positive Kommunikation schafft Beziehung und ermöglicht Verständigung (vgl. Mall 1992, S.23).
Es gibt verschiedene Ansätze oder Modelle von dem, was Kommunikation kennzeichnet. Mall stellt zwei Kommunikationsmodelle vor, die dem Konzept der Basalen Kommunikation zugrundeliegen.
Das erste Modell beschreibt die Dynamik menschlicher Interaktion mit der Welt als Wechselspiel zwischen Einflussnahme ("Ich passe die Umwelt mir an.") und Anpassung ("Ich passe mich der Umwelt an.") (vgl. Mall 2006, S.2). Es geht zurück auf Piaget, der die Begriffe Assimilation und Akkomodation in diesem Zusammenhang prägte.
Erst das immer wieder neu einzupendelnde Gleichgewicht zwischen beiden Polen ermöglicht es, sich in der Umwelt einigermaßen zufriedenstellend zurechtzufinden. Im ersten Atemzug - Fremdes aufnehmen im Einatmen, Eigenes abgeben im Ausatmen - oder in der fortschreitenden Anpassung des Saugmusters an die Mutterbrust wird schon ganz früh dieses Wechselspiel deutlich, das die vorgeburtliche Situation im Mutterleib in der ersten Beziehung fortsetzt, und das auch weiterhin jedes echte Lernen prägt. (Mall 1992, S.2)
Das zweite Modell beschreibt Kommunikation als einen Kreislauf, der durch das wechselseitige Sich-aufeinander-Beziehen der beteiligten Kommunikationspartner in Gang gehalten wird. Dabei liegt der erste Schritt bei einem selbst/mir, so Mall. Der Andere zeigt ein Verhalten. Ich nehme sein Tun als Äußerung wahr und antworte darauf mit einem passenden Tun, wobei die Betonung auf "passend" liegt. Auf diese Weise erlebt der Andere Antwort auf sein Tun. Der Kreislauf schließt sich, indem der Andere auf meine Antwort ein Verhalten zeigt und ich dies als Äußerung wahrnehme. (vgl. Mall 2006, S.3)
Was ist Basale Kommunikation
Basale Kommunikation bezeichnet eine spezifische Vorgehensweise zum Aufbau einer Kommunikation mit Menschen, die nicht über verbale oder andere, Symbole benutzende Kommunikationsweisen kommunizieren können. Mall nennt insbesondere Menschen mit schwerer geistiger Behinderung, Menschen mit ausgeprägtem autistischen Verhalten und eingeschränkter Sprechfähigkeit, Menschen mit Wachkoma und apallischem Syndrom sowie Menschen mit geronto-psychiatrischen Zuständen im Sinne einer Demenz. Bei Menschen ohne Behinderung kann die basale Kommunikation im Sinne einer psychosomatischen Selbst- und Partnererfahrung eingesetzt werden.
Ihren Sinn verliert Basale Kommunikation bei Personen, deren umweltbezogenes Bewusstsein weiter entwickelt ist. Sie finden das Verhalten der Bezugsperson komisch, beginnen zu agieren, ihr Atemfluss verliert seine Spontanität. Basale Kommunikation bewegt sich im vorbewussten Gebiet und sollte nicht primär vom bewussten Verstand mitvollzogen werden. Hier gibt es sicher andere, entwickeltere Kommunikationsweisen. (Mall zitiert nach Niehoff/Greving 2005, S.1)
Die Basale Kommunikation benutzt körperliche Verhaltensweisen der Person, zu der es Kontakt aufzunehmen gilt, zur Kommunikation mit dieser Person. Die Verhaltensweisen, insbesondere die Atmung, Bewegungen des ganzen Körpers und/oder des Kopfes, der Arme, Hände und Beine sowie Lautäußerungen, werden aufgegriffen, widergespiegelt und variiert. Es werden also ähnliche Verhaltensweisen angeboten, um die Kommunikation anzuregen und einen Kreislauf der Kommunikation in Gang zu bringen (vgl. Mall 2001, S.19). Der Körperkontakt zwischen den Kommunikationspartnern spielt immer auch eine Rolle.
Das Konzept der Basalen Kommunikation beruht auf einer Analogiebildung zu der Kommunikationsentwicklung, die in den ersten Lebensmonaten des nicht behinderten Säuglings zu beobachten ist.
Eigene Beobachtungen
Bei der Verständigung mit meinem Baby habe ich nachvollzogen, was basale Kommunikation ist. Körperkontakt spielt eine wichtige Rolle, denn über den nahen Kontakt, nehme ich vieles am Kind wahr, teilt sich mir vieles mit, was das Kind mir auf andere Weise nicht beschreiben kann. Ich spüre seinen Spannungszustand in Armen und Beinen und Rückgrat, fühle seine Atmung, ob es warm ist oder kalt. Auf diese Mitteilungen reagiere ich nicht nur mit der Stimme, sondern mit meinem ganzen Körper und fühle direkt die Reaktion des Kindes darauf. Mein eigener ruhiger, tiefer Atem könnte das Kind beruhigen. Vielleicht nimmt das Kind eine Wiegebewegung auf und ich führe sie mit ihm gemeinsam fort. Wenn das Kind mit seiner Stimme Laute malt, gebe ich sie wieder in kleineren oder größeren Abwandlungen. Über den Tonfall der Laute teilen sich mir Emotionen mit. Das, was sich mir vermeintlich mitgeteilt hat, lege ich in meine kreative Nachahmung, die doch eher eine Erwiderung als eine Nachahmung und in keinem Fall ein Nachäffen ist, hinein. Steigt das Kind darauf ein, habe ich eine gewisse Rückmeldung, wie weit meine Interpretationen der kindlichen Äußerung, zutreffen. Auf jeden Fall, ob über Körperkontakt allein oder über die Stimme, aber auch mit anderen Mitteln (z.B. Aufnehmen einer Bewegung ohne Körperkontakt), ist ein Dialog da, eine Verbindung von Mensch zu Mensch.
Ich habe für mich festgestellt, dass ich Elemente basaler Kommunikation auch bei der Verständigung mit älteren Kindern und Erwachsenen einbringe. Es gehört dazu, mich auf mein Gegenüber einzustimmen. Es ist eine Weise, mich einzufühlen in den Anderen.
Zum Beispiel ist es ein allgemein beobachtbares Phänomen, dass der Zuhörer mit seinem Stimmapparat in gewissen Grenzen nachvollzieht, wie ein Anderer spricht oder singt. Allein das Hören einer entspannten, lockeren Stimme kann Verspannungen im eigenen Kehlkopfbereich lösen helfen. Auch beobachtbar ist, wie der Tonfall eines Gesprächspartners bei seinem Gegenüber Erwiderung findet. Solche Dinge provozieren wir im Gespräch miteinander nicht bewusst, sonst wäre es je nach Situation wirklich komisch bis unangenehm für den einen oder anderen Gesprächspartner.
Ich denke, es gehört zum Elementaren von Kommunikation, dass die Kommunikationspartner mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln nachvollziehen, was der Andere ausdrückt. Atmung, Mimik, Gestik und Stimmbänder und Gebärde kommen auf diese Weise zum Einsatz. Rittelmeyer könnte hierin ein Beispiel dafür sehen, wie der Körper als Organ des Verstehens arbeitet und eben nicht nur die sog. Schaltzentrale, das Gehirn. Zwar ist es Allgemeingut, dass nicht nur über Sprache kommuniziert wird, aber dennoch scheint uns der Zugang zu Menschen verschlossen, die nicht über Sprache oder Zeichensprache oder ein anderes Symbolsystem kommunizieren, zumal wenn ihre Körperhaltung, ihr Blick oder ihre Mimik unseren Erwartungen an einen Gesprächspartner völlig widersprechen. Die Basale Kommunikation nach Winfried Mall macht Wissen um das Elementare nutzbar für den Zugang zu solchen Menschen.
Buch-Literatur:
Mall, Winfried (1992) Kommunikation mit schwer geistig behinderten Menschen. Ein Werkheft. (2. Aufl.) Heidelberg
Nienhoff, Dieter/Greving, Heinrich (Hrsg.) (2005) Basale Stimulation und Kommunikation. Berlin
Texte aus Fachzeitschriften und Vorträgen:
Mall, Winfried (2006) Sensomotorische Lebensweisen - ein Verständniskonzept für Menschen mit geistiger Behinderung. In: heilpädagogik.de, Fachzeitschrift des Berufsverbands der Heilpädagogen. 20.Jg. Heft 3+4/2005. überarbeitete Fassung vom 12. April 2006 auf winfried-mall.de/pdf/verstaendniskonzept.pdf
ders. (2001) Was von diesen Menschen kommt, passt zu uns - Basale Kommunikation. In: Orientierung - Fachzeitschrift der Behindertenhilfe. 2/2001. S.17-19
ders. (1980) Entspannungstherapie mit Thomas. Erste Schritte auf einem neuen Weg. In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie. 29. Jg. Heft 8/1980. S.298-301
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