Donnerstag, 14. Mai 2009

Babymusikgarten

Gastbeitrag von Bettina

Nachdem ich mich seit kurzem mit freiem Lernen und Respekt gegenüber Kindern beschäftige, fallen mir so manche Dinge auf, die andere völlig normal finden.

Heute: Probestunde im Babymusikgarten:

Es ist Montag morgen, 10.00 Uhr. Ort: evangelische Kirchengemeinde. Ich komme etwas zu spät in einen Raum, in dem ein Haufen Mütter im Kreis sitzen und ein Baby auf dem Schoss halten. Wir singen Lieder und machen Fingerspiele, ab und an stehen wir auf und tragen das Kind wiegend im Kreis herum und einmal zirkulieren zwei Zylophonstäbe durch die Runde, auf die jedes Baby genau zu einer Strophe im Takt draufhauen darf. Pardon, ich meine, auf die die Mutter - die Händchen ihres Kindes umfassend - draufschlägt, denn wenn das Kind es selbst probiert, wird das ja nichts.

Leider ist es überhaupt nicht vorgesehen, dass die Kinder ein Instrument in ihrem Tempo kennenlernen, es untersuchen, betasten und eigene Forschungen durchführen können. Wenn ein Baby die Zylophonstäbe länger behalten und anschauen will, werden sie ihm weggenommen und weitergereicht.

Und während die Lieder gesungen werden, können die meisten Mütter die Gesichter ihrer Kinder nicht sehen, weil diese auf ihrem Schoß sitzen und ihnen den Rücken zudrehen. Schade, denn hätten sie sie angeschaut, so hätten sie gesehen, was ich leider bei fast allen gesehen habe: Gelangweilte, gestresste oder müde Babies, die die Fingerspiele oder ein dünnes Tüchlein über sich ergehen lassen.

Kurz, der Leiter und die Eltern haben ihr Programm "durchgezogen" und die Babies mussten mitmachen, ob sie wollten oder nicht. Also da geht bei aller Kritik ein Pekipkurs mehr auf die Kinder ein.

Ich hab mir naiverweise einfach vorgestellt, dass da Musikinstrumente ausprobiert oder den Kindern vorgespielt werden können, je nach Alter. Inspiriert dazu wurde ich von folgendem Text: Der Versuch einer musikaischen Umgebung von Anna Harsch (PDF)
Singen und Fingerspiele sind zwar auch nett, aber das macht man doch in jeder besseren Krabbelgruppe auch, da ist es billiger und die Atmosphäre ist entspannter. Aber scheinbar ist meine Vorstellung von einer freieren Herangehensweise an Musik eher ungewöhnlich, wie ich bei einigen Telefonaten mit andern Musikgärten herausfand.

Wenn man sich also respektvollen und einfühlsamen Umgang mit seinem Kind wünscht und es für eine gute Idee hält, dass sich Kinder die Welt möglichst selbst aneignen und nicht ständig von den Erwachsen belehrt und bespaßt werden müssen, ist dies leider kein empfehlenswerter Kurs.

Ein paar Mütter und ich werden nun unsere eigene Musikgruppe gründen. Wir wollen uns treffen und jeder wird seine Instrumente mitbringen. Ich bin gleich voller Begeisterung in einen Musikladen gezogen und kann mich jetzt stolze Besitzerin eines wunderschönen Glockenspiels und eines Regenmachers nennen. Mal sehen, was unsere Babies dazu sagen...

Kommentare:

sumpffuss hat gesagt…

Was ist denn nun eigentlich eure Motivation, so eine Gruppe zu gründen?

Wollt Ihr selber Musik machen - ich meine, ihr Erwachsenen? Habt ihr Spaß, miteinander zu musizieren? Oder geht es tatsächlich allein um die Kinder, darum, dass denen was geboten wird, was sie anders nicht erleben können? Oder welche Vorstellungen habt ihr Frauen konkret, dass ihr eine Gruppe gründet?

Mein eigener Alltag ist potentiell und wirklich so mit Musik gefüllt, also es ist eine normale Komponente in meinem Alltag, dass meine Kinder zwangsläufig davon mitbekommen. Außerdem greife ich auch gerne auf, was die Kinder an Musik produzieren. Das ist aber alles spontan und nichtgeplant. Zum Beispiel die Wechsel(sprech)gesänge mit meiner damals zweijährigen Tochter entstanden spontan. Geplant musizieren wir selten zusammen.

Johanna hat gesagt…

Die Frage von Sumpffuss finde ich berechtigt. Aber Mal was anderes:

Ich sehe solche Dinge immer als Geschäftsgelegenheit. Öffnet doch euren Kurs nach einigen Wochen Probierzeit für andere und nehmt 3-5 € Teilnahmegeld hinzu! Damit könnt ihr locker Räume in einem Mütter-, Kulturzentrum oder ähnliches bezahlen (meist 5-10€ pro Sitzung oder 10-15% der Einnahmen), mit dem Rest des Geldes kann sich entweder Organisator(in) bereichern, oder es kann in coole neue Instrumente investiert werden (damit die Instrumente auch Mal getrost kaputt gemacht werden können..) oder einem wohltätigen Zweck gespendet werden (z.B. Rockzipfel ;-)) oder, oder, oder!!

Verbindend mit Sumpffuss' Frage: in solch einer unerzogenen Umgebung, in der Babys und Kleinkinder in ihrem eigenen Tempo ausprobieren können wie sie wollen, können ja auch Erwachsene 'einfach so' ihre eigenen Ständchen halten und Musikinstrumente mitbringen und spielen :-)

Manchmal sind es doch auch durchaus die Erwachsenen, die einfach Interesse an der Benutzung neuer Instrumente haben oder einfach neugierig sind auf eventuell versteckte Talente.

Ich habe (mit Sprachkursen für Kinder) die Erfahrung gemacht, dass "unerzogene" Kurse für Kinder durchaus eine Marktnische sind. Vielen Eltern geht es auf den Geist, dass Kinder überfordert werden in solchen Kursen und sind oft richtig froh, wenn man es locker nimmt!

LG
Johanna

Anonym hat gesagt…

Hallo Sumpffuss und Johanna

warum wir etwas tun oder nicht ist uns beschulten ja oft nicht so ganz klar, aber vielleicht kann ich ja mal nachdenken:
Irgendwann einmal wollte ich tatsächlich mein Kind einfach an Musik "heranführen". Einen Kurs zu belegen anstatt einfach daheim zu singen (was ich ohnehin häufig tue), fand ich interessant, weil ich dachte, dass dort nochmal andere Musik gemacht wird, als ich das alleine daheim kann (z.B., weil mir die Instrumente oder die Ideen fehlen). Ausserdem wäre es natürlich toll, dort Leute zu treffen, die ebenfalls Musik mögen.
Nun gut, aber je mehr der Unschooling-Gedanke in meinen Kopf sickert, desto mehr lösen sich hausgemachte Zwänge in Luft auf und dann kommen natürlich neue Ideen, wie:
Warum sollen eigentlich nur die Kinder mit dem Instrument spielen? Warum das Ganze eigentlich nur Drinnen? Deine Idee mit den Flaschen draussen, lieber Sumpffuss, finde ich entzückend. Ich stelle mir ein Meer von Flaschen auf einer grünen Wiese wie bei einer Kunst-Installation vor. Auch Deine Idee, Johanna, ist super! Ich denke ohnehin schon darüber nach, im hiesigen Mütterzentrum etwas zu machen. Kleine Off-Topic-Frage: Wie ist es eigentlich mit Diskussionsveranstaltungen zum Thema (freies) Lernen an Mütterzentren? Gibts da nicht jemanden, der Lust hätte, mal eine Lesereise durch Deutschland zu machen?
Viele Grüsse
Bettina

sumpffuss hat gesagt…

Es ist ja auch, dass ich mich selbst frage: warum will ich eigentlich mit Kindern Musik machen?