Donnerstag, 18. Februar 2010

Die Frau vom Pfau

Das ist die Frau vom Pfau. Sie lebt so ziemlich frei. Beim Menschen, aber ohne Gitter oder Zaun. Eine kleine Attraktion in der Waldschule, die wirklich mitten im Wald steht. Wenn im Frühsommer die Jungen großgezogen werden und ihr der Trubel von Besuchern zu viel wird, dann zieht die Frau vom Pfau mit ihrer Nachkommenschaft auch schon mal aus der Waldschule aus. Die Familie zuckelt dann durch das Eingangstor, wo sonst nur Menschen ein und aus gehen und eine eingesperrte Nebelkrähe auf Französisch Aufwiedersehen sagt.
Pfauen schlafen nachts auf Bäumen. Die Pfauen aus der Waldschule lernen von klein auf, wie das geht. Auf Zäune und Äste klettern bzw. flattern und fliegen zu können, ist überlebenswichtig. Ausreichend hoch muss der Schlafplatz sein, damit des Nachts im Dunkeln nicht Fuchs und Marder kommen und einem die Kehle durchbeißen können.
In Gefangenschaft aufgewachsene Pfauen wissen nicht viel vom Fuchs. Selbst wenn sie lesen gelernt hätten - möglicherweise würden sie annehmen, der Fuchs sei ein Gedicht, das sich auf Luchs reimt, und Luchse gibt es ja längst nicht mehr überall, also braucht man sich auch nicht vor ihnen fürchten. Das ist natürlich Quatsch.
Aber im Ernst lernen gefangen lebende Pfauen längst nicht alles, was nötig ist, um später etwa im Garten eines Schlosses vor den natürlichen Gefahren gefeit zu sein. Sie können nicht besonders gut klettern, sie wählen ihren Schlafplatz weniger achtsam aus, weil sie nicht an den Fuchs denken. So überleben Pfauen, die als Küken in Gefangenschaft geboren wurden und, kaum erwachsen geworden, in Schlossgärten ziehen, wo standortbedingt auch Fuchs und Marder langstreifen, nicht lange, wenn sie Pech haben. Die in die Freiheit geborenen Pfauenküken sind, ersteinmal erwachsen geworden, überlebensfähiger, auch in einem barocken Schlossgarten.

Mittwoch, 17. Februar 2010

Kampagne für freie Bildung


Für Bildung in Freiheit, Achtsamkeit und Würde.

Wider den Schulzwang.



Donnerstag, 28. Januar 2010

Deschooling Notizen 003

Mein ältestes Kind ist mit elf Jahren in der Ostsee die ersten Male frei (ohne Schwimmhilfe) geschwommen. Vielleicht hätte ich nie von so vielen “Spätschwimmern” erfahren, wenn nicht dieses Kind gewesen wäre. Plötzlich hörte ich von verschiedenen Eltern und Großeltern Geschichten über ähnliche Schwimmlernerfahrungen mit Kindern. Der zeitliche Rahmen, in dem von einem Kind erwartet wird, dass es Schwimmen ohne Hilfen gelernt hat, ist meinem Gefühl nach so bis sieben gesteckt, oder irre ich da? Ich hatte früher den Eindruck. Es ist für mich eine schöne Erfahrung zu sehen, dass ein Kind (nicht nur mein eigenes und nicht nur das Schwimmen betreffend) Dinge lernt jenseits des zeitlichen Erwartungsrahmens, Dinge, über die bereits Glaubenssätze existieren, dass ein Kind sie nie mehr lernen würde, wenn es sie bis zu einem bestimmten Alter nicht gelernt hätte.
Auch als Erwachsene lerne ich solche Sachen, die ich angeblich als kleines Hänschen hätte lernen müssen, um sie jemals zu können. Das ist ein wahnsinnig gutes Gefühl hinterher. Angefangen hat es damit, dass ich mir überhaupt zugetraut habe, etwas zu lernen, was ich unbedingt lernen wollte, was mir aber lange unerreichbar schien, wenn ich mein Alter in Betracht zog und dann auch noch den Vergleich zu anderen.

Montag, 18. Januar 2010

Deschooling Notizen 002

Was fühlst du, wenn du an einer dieser Anstalten vorbeigehst, in denen die jungen Menschen Schüler genannt werden und Schülerinnen? Was denkst du dir, wenn du die Taschen auf den Rücken der Kinder als Schulranzen wiedererkennst? In welchem Kontinuum lebst du? In welchem willst du leben?

Dienstag, 24. November 2009

Zwiespalt

***
Du hattest den Kopf einer Kuh, erinnerst du dich? Mit Eselsohren, so lang, keiner würde die übersehen. Du hocktest traurig auf der nackten Erde. Nackter noch warst du in deiner Haut. Der Kopf war keine Verkleidung. Er saß fest auf deinem Hals. Das wenige Fell, das dich bedeckte, war das in deinem Gesicht. Wie gern hätte ich dich erlöst, und du hättest dich als eines Königs Sohn entpuppt. Oder als der Sohn eines Gottes, der nur des Nachts eine vollkommen menschliche Gestalt annimmt, seiner Liebsten zu Liebe. Die Liebste ist kaum göttlicher als ich. Sie würde dir abwechselnd zu Füßen liegen oder dein Fellgesicht lecken. So wollte sie alle Tage zubringen und nachts bei dir liegen, bei dir in deiner perfekten Gestalt. Aber, Liebster, wir wissen, dass du nicht gottgleich bist und keines Königs Sohn. Von den Füßen bis zum Hals bist du schön anzusehen für mich. Doch solltest du dich der Schicklichkeit halber bedecken. Dein Kopf ist der eines Rindes mit langen Ohren. Sie verraten deine Gefühle. Sie erinnern mich, dass der Hohn der Leute über mich kommen wird, wenn ich bei dir bleibe.
Erinnerst du dich?
Ich sollte mich entscheiden. Das Wohlwollen der Leute wie ihre Gleichgültigkeit oder ihr Hohn und du.
Zum Glück hast du mich aus meinem Alptraum zurückgeholt. Du wusstest, was ich träume, denn du hattest den gleichen Traum. Es hatte ausgesehen, als wollten gleich die Tränen aus deinen Kuhaugen rollen. Aber du wecktest mich. Dich hatte der Weckton des Funkweckers aus den Träumen gerissen. Wir konnten aufstehen wie immer, uns ankleiden für den Tag und unseren gewohnten Dingen nachgehen. War das nicht ein Glück?

Für die Überschrift und wichtige Anregungen danke ich Lisa.
Das Bild Titania erwacht von Johann Heinrich Füssli hat mich zu diesem Text inspiriert. Der Text hat indes nichts damit zu tun, was der Maler auf seinem Bild darstellen wollte.

Sonntag, 27. September 2009

Samstag, 22. August 2009

Kindheit entdeckt

Kindheit entdeckt (I) - eingerichtet (II) - umsonst? (III) Dreiteilige Artikelserie zum Thema Kindheit

Die Kindheit eines Menschen dauert und dauert. Zeit, ihn in die Schule zu schicken.
Schule. Warum?
Ich kenne es nur so.

Zur Zeit der Romantik und der romantischen Sicht auf das Kind, heißt es, habe man die Kindheit entdeckt; Kindheit sei nicht mehr nur ein Durchgangsstadium zum Erwachsensein, sondern ein Lebensabschnitt mit Eigenwert. Die Kinderbildnisse eines Philipp Otto Runge, bspw. das Bildnis Otto Sigismund im Klappstuhl (1805) und Die Hülsenbeckschen Kinder (1805), zeigen den neuen Blick. Der Kunsthistoriker Jens Christian Jensen urteilt: "Das Bildnis Otto Sigismund im Klappstuhl [...] erfasst das Kind mit einer Natürlichkeit, die es vorher nicht in der Kunst gegeben hat. Runge stelle "das Kind als eigenes, forderndes Lebewesen" dar, "[...] dem ein eigener Bereich gehört, der sich unabhängig in der Welt der Erwachsenen behauptet [...]". (Jensen, 1977, S.201f)
Die Hülsenbeckschen Kinder umgibt eine eigene Welt. Das jüngste Kind umklammert ein Blatt der Sonnenblume, es ist im Karren sitzend der Erde und den Blumen, sprich: seinem natürlichen Ursprung, ganz nah. Im Hintergrund reihen sich Häuser zu einem Dorf, das aus einem Bastelbogen oder Bilderbuch für Kinder stammen könnte. Erst die tiefe Flucht am rechten Bildrand gemahnt an die Erwachsenenwelt. Sie liegt im Schatten. Die Flucht symbolisiert die Perspektive, auf die alles hinausläuft. Das Dreiergespann der Kinder bewegt sich darauf zu, das älteste Kind ist ihr am nächsten. Noch sind die Drei sonnenbeschienene Kinder, doch ist das Erwachsensein ihr unausweichliches Schicksal. Die Farben, mit denen der Maler Runge die Kinder ausstattet, sprechen indirekt von einem biblischen Motiv: "Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen." (Matthäus 18, 2-3) (1)

Doch die sogenannte Entdeckung der Kindheit, wage ich zu behaupten, ist eigentlich gar keine, sondern nur eine neue/gewandelte Zuschreibung an Menschen jüngeren Alters. Die noch nicht von der Natur Entfremdeten, die der Natur noch Verbundenen. Die im Naturzustand Befindlichen. Ausformuliert findet sich diese Idee bei Rousseau. Was rechtfertigt die Entgegensetzung von erwachsenem Mensch und Natur und die Verortung der Kinder in der Natur? Versteht weiße Pädagogik nicht gerade mit dieser Dichotomie ihre Übergriffe zu legitimieren? Gerade in Rousseaus Emile können wir ja nachlesen, wie sich der Zugriff/die Einwirkung auf das Kind unter der neuen (romantischen) Sicht verfeinern soll.

Die Sozialforscherin Astrid Albrecht-Heide schreibt davon, dass Kindheit, kaum dass sie entdeckt wurde, auch schon vereinnahmt worden ist. Sie durchleuchtet das Ideengebäude, auf dem weiße Erziehung basiert und worin die Zuschreibung "naturverbunden" nicht halb so viel Respekt gebietet wie das gelbe Schild mit der schwarzen Eule.(2) Naturnah ist der Wilde, der Naive, der Schwarze, Natur ist nicht das Kultivierte. Der Naturzustand, so sehr er gleichzeitig herbeigesehnt wird, ist doch das, was es zu überwinden gilt. Was im Naturzustand lebt, lebt so vor sich hin, ohne Verstand. Keine Moral verbietet, in diesen Naturzustand einzugreifen und etwas an dem so deklarierten zu verändern. Derjenige, der sich dem Gesellschaftszustand zuordnet, sieht sich mit höherem Wissen ausgestattet, das seinen Eingriff legitimiert. Natur ist Rohstoff, ein formbarer Klumpen. Die sogenannte Entdeckung der Kindheit hat den Gedanken, Kindheit sei nur ein Übergangsstadium in der Entwicklung eines Menschen, nicht wirklich aufgegeben.

Kindsein gilt als Anfang des Menschenlebens und das Erwachsensein als Reife. Die Erziehung soll das Kind zur Reife führen. Zum Beweis der Unreife am Anfang eines Menschenlebens wird gerne das Phänomen herangezogen, dass der Mensch als physiologische Frühgeburt auf die Welt kommt. Mit seiner Unreife wird die Erziehungsbedürftigkeit des Menschenkindes begründet. Die Unreife erscheint als ein zu beseitigendes Defizit. Die hohe Bildsamkeit des jungen Menschen als Aufruf zum Erziehen und Belehren?

Was haben die Erwachsenen mit der Kindheit gemacht?

Anmerkungen:
(1) Rot, die Farbe des Kleides des jüngsten Kindes, steht für die Nähe zum Göttlichen.
(2) Was ist Erziehung? über weiße Erziehungswissenschaft

Literatur:
Jens Christian Jensen (1977) Philipp Otto Runge. Leben und Werk. Köln