Mittwoch, 1. September 2010

Vergänglichkeit

In diesem Blogbeitrag: Auszug aus einem Interview. Frau Sumpffuss im Gespräch mit der Fotografin Moor. Man beachte die englische Aussprache des Namens, Frau Moor hat drei Jahre in London (Großbritannien) gelebt. Fotos zum Vergrößern anklicken.

Sumpffuss: Liebe Mrs Moor, ich habe Sie um Bilder zum Thema Vergänglichkeit gebeten und Sie antworteten, Sie seien Fotografin. Was meinen Sie damit?

Moor: My answer, meine Anwort habe ich ursprünglich als Widerspruch zu ihrer Anfrage betrachtet. I am a photographer, that means, ich filme nicht etwa, wie etwas vergeht, sondern ich liefere nur eine einzige Aufnahme. Auf den Bildern sehen Sie Zustände, aber nicht die Vergänglichkeit, that was my first thought.

Und dann?

Dann dachte ich mir, schicke ich Ihnen doch Zustände, snapshots, äh, Momentaufnahmen von Wiese und Wald. Alles verändert sich mit der Zeit. Everything could be shown under the topic Vergänglichkeit.

Schreibe ein Thema über ein Bild und der Betrachter wird es entsprechend ansehen?

Yes. Bild und Bildunterschrift setzen Assoziationen frei. Und noch etwas: die Vergänglichkeit, das Vergehen ist ein Prozess. Der läuft aber nicht mehr auf den Bildern ab, sondern im Betrachter, in the viewer, you understand?!
When I was taking that photograph of the mushroom, als ich den Pilz fotografierte, wollte ich allein diesen Zustand festhalten, das Gemälde, das er auf den Boden malte. Ich war dem Thema Vergänglichkeit dabei sehr nahe insofern, als ich dachte, dass ich genau im rechten Augenblick gekommen war und zum Glück mit Kamera. Am nächsten Tag wäre der Pilz vielleicht schon fort gewesen oder die schwarze Farbe vom Nachtregen in den Boden gespült, washed into the ground.

Der Betrachter Ihres Pilzbildes denkt doch wohl eher an den Pilz, der vergangen ist, oder?

Oh yes, I want to comment this. Auch für mich hat das Bild noch diese andere Bedeutung. Wobei ich nicht glaube, dass es jeder, die das Bild sieht, ähnlich gehen muss. Bei mir kommt noch hinzu, dass ich den Pilz schon ein paar Tage früher kannte, als er noch jung war und lebte. Sein Hut hatte sich noch nicht einmal geöffnet gehabt.

Die drei Fotos unter dem Titel "Blätter verschwinden" wirken auf mich dann aber doch, als wollten Sie das Vergehen eines Materials, Verzeihung, das Vergehen von etwas ehemals Lebendigem sichtbar machen.







(Moor lächelt nachsichtig) Es sind Zustände, nothing else, nichts anderes. Die drei Aufnahmen sind am selben Tag entstanden.

Gibt es den Zustand überhaupt? Die Blätter sind doch, wie wir sehen im Zersetzungsprozess.

Da sprechen Sie wohl gerade Ihren eigenen inneren Prozess an, Frau Sumpffuss. Natürlich zersetzen Sie sich nicht, entschuldigen Sie meine missverständliche Ausdrucksweise, ich meine natürlich nur die Entwicklung Ihrer Gedanken.

Aber räumen Sie denn gar nicht ein, dass es der Willkür unterliegt, etwas als Zustand zu bezeichnen? Und würden wir in der Welt überhaupt je auf etwas stoßen, das keiner Entwicklung unterliegt?

Ich will Ihnen gerne zustimmen, dass der Zustand eine ausgemachte Größe ist und alles in der mir bekannten Welt in Bewegung. In unserer Wahrnehmung allerdings, in meiner Wahrnehmung, erscheinen viele Dinge über fühlbare Zeiträume hinweg unverändert, beständig, oder ich nehme eben meine Kamera zu Hilfe und mache eine Momentaufnahme. Wie lange wollten Sie da beispielsweise vor den Blättern stehen, um die Zersetzung zu sehen?

Ich gebe zu, es ist schwer, das Vergehen minutiös zu verfolgen, und wahrzunehmen, was geschieht.
An Ihren Blätterbildern, Frau Moor, hat mich ja die Zartheit der Blattgerippe fasziniert und ihr Übergang in die Substanz des Untergrundes.

Oh, that's my topic, darüber spreche ich sehr gerne! Statt das Vergehen könnte ich auch das Werden oder Entstehen beschreiben oder die Wandlung. Im Herbst, in dem ich das Vergehen der sommerlichen Pracht bedauern könnte, treten neue Formen und Farben hervor. Especially the autumn foliage is wonderful. Red and yellow colours kommen aber nur zur Geltung, weil der grüne Blattfarbstoff sich abbaut. Und ich bilde die Blattnerven nicht ab, um den Verfall des Blattes zu betonen, sondern um diesen besonderen Augenblick im Lebenszyklus festzuhalten, der nicht anders als andere Zustände auch der Vergänglichkeit anheim fallen wird.

Ich verstehe es so, dass ein sagen wir gelbes, angewelktes Blatt sowohl Ausdruck für die Vergänglichkeit des Lebenssommers sein kann, als auch etwas Schönes an sich, dessen Vergänglichkeit man bedauern wird.

Ich habe beim Fotografieren stets letzteres im Sinn. Im Sommer wie im Herbst. Mir ist irgendwann früher wieder aufgegangen, wie zerbrechlich doch auch die Schönheit dessen ist, was wir allgemein schon dem Zerfall zurechnen. Nur für eine kurze Zeit leuchtet das Buchenlaub im Wald zu den Füßen. An dunklen Regentagen, wenn das Wasser die Blätter reinwäscht, fast noch mehr als an Tagen mit Sonne. Ich denke, es könnte immer so bleiben, ... wie mir derselbe Gedanke auch im Sommer kommt. Die Schalen der Bucheckern sind hell und samtig innen und die Kastanien glänzen. Die Kinder wünschen sich, Kastanien blieben immer so, wie sie aussehen, wenn sie gerade frisch gefallen sind.


Aber wieso eigentlich, Mrs Moor, stellen Sie mir ein Bild mit einem toten Fisch zur Verfügung und nicht eins mit, sagen wir, Blütenkätzchen? Denken Sie beim Thema Vergänglichkeit an den Tod?

Also erstens ist das Fischbild von meiner letzten Ausstellung übriggeblieben und war deshalb im Preis gesenkt und zweitens können Sie sich, Frau Sumpffuss, meine Frühlingsbilder überhaupt nicht leisten. Das liegt daran, dass der Frühling besonders vergänglich ist.

Und der Tod?

Auch noch im Tod ist alles vergänglich, das habe ich ja bereits zu den Blättern bemerkt.

(Sumpffuss unterbricht Moor) Ist denn der Fisch nicht mehr als ein Blatt? Ich meine, er hat doch zumindest ein Auge!

Sicher, als Rezipient haben Sie die Wahl, meine Bilder so oder so zu betrachten. Und Sie dürfen interpretieren, wie Sie wollen. Zum Beispiel könnte es einem einfallen, das Augenmerk auf die Eisschicht zu legen. Sie wirkt nicht sehr fest. Noch ein bisschen mehr Sonne, und sie schmilzt dahin. Damit gibt sie den Fisch dem Verwesungsprozess frei - wobei wir hier nicht nur an Tod denken müssen, sondern auch an das Leben, das diesen Prozess bedingt, die vielen Bakterienarten und Pilzsorten, die daran beteiligt sind, und im See geht das Leben weiter. Und das Auge? Yeah, the eye ... It is looking directly into my lens, isn't it?

Ist das nicht gemein zu dem Fisch?

Ach, wissen Sie, dazu eine Geschichte vom Meer: Die Wellen hinterlassen am Strand Linien, Wellenlinien aus Muscheln. Und weil sie so unterschiedlich aufs Land laufen, gibt es mehrere Linien, die sich immer wieder überschneiden. Auf so einer Linie habe ich einen Fisch gefunden. Er war tot und sah immernoch wundervoll aus. Sein Leib glänzte in verschiedenen Farben. Es war ein sehr kleiner Fisch, eineinhalb Büroklammern lang und sehr dünn. Ein Kind kam an und meinte, dieser Fisch sähe aus wie ein Kettenanhänger, also Schmuck. Es hielt den toten Fisch zum Betrachten eine Weile in seiner Hand. Ein anderes noch sehr junges Kind wollte den Fisch auch sehen. Es hat ihn ins Wasser geworfen, sich gefreut und gesagt, Now it lives again! Dann wollte es noch mehr Fische finden und wiederbeleben.

(Sumpffuss sehr nachdenklich) Ja, ja.

Samstag, 28. August 2010

Mutprobe

Wenn es nach dem Ferienwetter regnerischer und kühler wird, wechselt man zu den Jacken vom vergangenen Herbst. In den Jackentaschen findet sich manchmal noch ein Taschentuch mit Rotz und vielleicht auch ein paar Tränen von vor einem Jahr. Eine solche Jacke mit Taschentuch musste es sein, damit ich mich auf den Weg machen konnte.
Eigentlich hätte ich vorher wissen können, dass ich keinem echten Wildschwein begegnen würde, weil es ja nur eine Mutprobe war. Bei Mutproben handelt es sich nie um den Ernstfall. Der Proband soll nur etwas eingeschüchtert werden.
Zum Beispiel durch die Dunkelheit. Unten auf meinem Weg hüllte sie mich vollkommen ein. Oben schien der Himmel durch die Baumkronen. Ich schaute hinauf, um mich zu orientieren. Den Weg spürte ich unter meinen Füßen, aber sehen konnte ich ihn nicht. Öfter spähte ich dann doch in die Dunkelheit. Ich sah optische Täuschungen, Vorspiegelungen meines eigenen Auges, graue Flecken im Schwarz. Was soll man schon sehen, wenn es wirklich ganz duster ist. Der helle Himmel konnte hier unten nichts ausrichten. Ich befürchtete, jeden Moment über ein Wildschwein zu stolpern. Wildschweine sind nicht riesig, sie gehen mir vielleicht bis zum Brustbein. Das Schlimme ist, sie sind kompakt, sie sind stabil, sie fallen nicht einfach um, sie fliegen nicht fort und sie gehören, wie Ferkel zu Puh sagen würde, wohl eher zu den wilderen Tieren. Sie könnten auf die Idee kommen zu kämpfen, wenn man sie verärgert.
Genug über Wildschweine! Ich wusste noch, wo ich am Tage ihre Spuren gesehen hatte: durchwühlter Boden. Ich lauschte. Der Regen machte ein ständiges Geräusch. Der Regen in den Bäumen. Unter freiem Himmel regnete es nicht mehr, in den Bäumen regnet es gewissermaßen noch viel länger. Ich bekam einen einzigen Tropfen auf die Kapuze, alle anderen Tropfen hörte ich nur. Würde ich die Wildschweine bei all dem Lärm wühlen hören? Wühlten sie laut oder leise? Atmeten sie laut?
Ich war auf einem Wegstück angelangt, das man beim besten Willen nicht mehr sehen konnte. Nichtmal anhand des Himmels über den Baumkronen. Die Kronen waren viel zu dicht. Sie hatten über dem Weg nicht mehr Raum als anderswo. Wie hätte ein Katzenauge hier genug Licht sammeln können, um zu leuchten? Welches Licht, wenn es keins gibt?
Der ganze Weg voller Fragen. Ich dachte, wenn ich Angst habe - und die hatte ich -, dann bin ich wenigstens nicht allein. Ich wünschte mir, die Tiere würden rechtzeitig vor mir verschwinden und mich auf ihrer Flucht nicht erschrecken. Ich hoffte, sie könnten mich hören. Ich hörte mich selbst nicht. Meine Schritte verursachten so wenig Geräusch wie auf einem Samtteppich. Kein Zweig knackte unter ihnen. Einmal stieß ich gegen Blätter. Selbst das spürte ich mehr, als dass ich es hörte. Die Blätter trieften vor Nässe, dazu das Tropfen in den Bäumen, ich wusste von der Wanderung am Tage Pfützen vor mir auf dem Weg - hoffentlich waren sie nicht größer geworden! Statt Gummistiefel trug ich Halbschuhe, mit denen es sich besser wegrennen lässt. Vielleicht gab es sogar schon den ersten Anlass zum Flüchten. Links von Geradeaus im Dunkeln leuchtete ein Punkt. Weil ich ging, änderte sich meine Perspektive und Pflanzen verbargen den Punkt vor mir. Ich konnte aber mehrmals feststellen, dass er sich nicht bewegt hatte, immer noch da war, immer noch leuchtete. Vielleicht sah ich in ein Tierauge und das Tierauge sah mich. Ich weiß, wie reglos Rehe stehen können als Alternative zur Flucht. Können Rehaugen auch leuchten? Dann sah ich zur Rechten auf dem Boden ein vertrautes Glimmen und weiter weg noch eins und noch eins. Die Glühwürmchen - in meiner Kindheit sind sie durch die Luft geflogen, hier sah ich sie nur am Boden. Es sei denn, das Rehauge ...
So ein Glühwürmchenkörper kann richtig etwas beleuchten. Um ihn sah ich das Buchenlaub. Es glänzte feucht. Seine Farbe ergänzte ich in meinem Kopf, denn wenn ich mich jetzt daran erinnere, dann fällt sie mir ein, aber nicht, dass ich sie gesehen hätte.
Wie in einer Geisterbahn zog ich an den Attraktionen links und rechts des erahnten Weges vorbei. Da kam schon die nächste. Sie ließ mich zweifeln, was ich sah. Es schien mir, da gab es einen Abgrund, der aus sich heraus leuchtete. Ich sah den Weg nicht, aber den Abgrund. Wieso leuchtete er, andererseits war gerade das mein Glück, meine Chance, nicht hineinzufallen. Ich wusste noch von der Tagestour, dass es links meines Weges recht steil in die Tiefe ging. Schwarze, feuchte Erde, Schlammlöcher, Sumpf. Erdinseln, die auf Wasser schwimmen, das erst hervorttritt, wenn ein Fuß die Insel beschwert.
Ich sah meinen Weg nicht und ich fühlte mit den Füßen kaum, ob ich auf matschigem Weggrund wandelte oder schon in den Wald zu meiner Rechten eingetaucht war. Es blieb der Blick nach oben, ob ich da den Himmel sehen würde und an den Baumkronen, die sich schwarz davon abheben, den Verlauf des Weges ausmachen könnte. Mit diesem Blick ging mir meine Täuschung auf. Der Abgrund zu meiner Linken war so tief, wie die Baumkronen hoch waren, und vom Grunde leuchtete mir der Himmel entgegen. Es war eine Spiegelung! Ich hatte die Pfützen erreicht, die ich bei Tage gesehen hatte.
Mit jeder bestandenen Gefahr wurde mir der Weg leichter. Er wurde auch breiter und bekam zumindest zur Linken eine eindeutige, sichtbare Begrenzung. Ich musste mich nur rechts von den dicken Baumstämmen halten. Wenn ich leicht nach oben blickte, sah ich sie. Der Weg führte von hier ab eine Weile geradeaus. Es regnete in den Bäumen, ich lief und der Weg ging vorwärts, bis ich ihn verlor. Ich spürte ihn nicht mehr unter meinen Füßen. Ich lief auf Laub. Ein Versuch, weiter links zu gehen, stieß mich an Blätter und Zweige, der Versuch weiter rechts sagte mir nur: Laub, Laub, Laub, du bist mitten im Wald. Da lag auch wieder ein Glühwürmchen. Hätte mir jetzt einer im Dunkeln noch die Augen verbunden und mich gedreht, ich hätte mich erst wieder in der Morgendämmerung zurechtgefunden. So aber, der Annahme folgen könnend, dass ich doch die ganze Zeit nur geradeaus gegangen war, wagte ich es, mich um 180° zu drehen. Wo vorher mein Nabel hinzeigte, befand sich jetzt mein Rückgrat, und die Nasenspitze richtete sich auf das, was vorher hinter mir gewesen war. Nach wenigen Schritten traf ich auf den Weg, der an jener Stelle eine Linkskurve beschrieb. 90°. Das hatte ich nicht sehen können.
Noch ein Stück auf festem Boden und mit den Augen durchs Ungewisse, dann sah ich den Mond. Er war eine richtige Lampe. Er hatte die ganze Zeit meinen Himmel hell gemacht, das war er. Um eine solche Kleinigkeit wie den Mond hatte ich mich beim Entschluss zu der Mutprobe noch gar nicht gekümmert. Nun gab es ihn und er machte mir den weiteren Weg wirklich angenehmer. Knappe zwei Kilometer Rückweg ohne Angst, mir nichts dir nichts ein Schwein zu überrennen. Der Mond machte schöne Wolken sichtbar und weißen, hohen Nebel über der Wiese. Er überstrahlte nicht die Sterne und nicht die Flugzeuge, die mir anzeigten, dass es eine Zivilisation noch gab. Ich konnte so viel sehen, dass ich sogar noch einen Umweg an einer Wiese entlang wählte. Geheimnisvoll in den Schatten der Bäume gehüllt standen die Pferde nebeneinander. Eines scheute vor mir, dabei war ich ihm gar nicht nahe gekommen.
In der Wiese leuchtete das Mondlicht durch unzählige Wassertropfen und im Taschentuch aus der rechten Jackentasche war noch Platz für etwas Rotz. Wahrscheinlich habe ich die Mutprobe ja bestanden, könnte nur noch sein, dass ich bei der Schriftlichen heute durchgefallen bin.

Mittwoch, 4. August 2010

In der Erde

A u f der Erde leben, ist gängiger Sprachgebrauch. In der Erde leben nur Maulwürfe und Würmer und Engerlinge. Spreche ich aber von der Erde als Planet, so ist es möglich, auch diejenigen als innendrinnen zu begreifen, die auf den Kontinentalplatten und den Meeren leben. Am Grunde der Atmosphäre.
"Wir sind Menschen in einem Planeten.", sagt Johannes Heimrath (Herausgeber, Art Director der Zeitschrift Oya) zu Beginn eines
Gespräches über Gemeingüter. (Lasst uns die Spielregeln ändern) Nebenbei: Das ganze Gespräch ist interessant. Speziell auf die Sichtweise, ob Menschen auf oder in ihrem Planeten leben, geht Johannes Heimrath in der Minute 12:20 des Videomitschnitts ein.
Er beschreibt es als Schlüsselerlebnis, einmal bei David Abram (Von Gaia umfangen) gelesen zu haben, wir würden in der Erde leben, unter der ganzen vielen Luft, deren Druck wir nur nicht merken, weil wir "dafür gebaut" sind, etwa 100km tief in der Atmosphäre (gerechnet von der Kármán-Linie) zu leben. Es ist für mich ein fühlbarer Unterschied, ob ich mich an der Oberfläche von der Welt begreife, die mich nährt und schützt, oder in ihr drinnen.

Mit dem Gedanken, im Innern zu sein und auf dem Grund des Luftozeans (Johannes Heimrath), habe ich neulich mal wieder zur Oberfläche aufgesehen. Natürlich sah ich nur eine bewegte Atmosphäre. Die Kármán-Linie konnte ich nicht ausmachen und mal eben aus meinem Element springen wie ein Fisch aus dem Wasser wollte ich nicht.

link zu David Abrams Aufsatz Von Gaia umfangen. Wie die Gaia-Hypothese unsere Wahrnehmung verändert.
Eine Nachfrage an die Macher von Oya zu David Abram hat mich zu dem Aufsatz und der Gaia-Hypothese geführt. Die Hypothese ist nicht Grundlage meines Blogeintrags. Indem ich den Link setze, stimme ich der Hypothese nicht automatisch zu. Sie ist für mich ganz neu und etwas, was mich interessiert. Meinungen zu der Hypothese lese ich gerne in den Kommentaren.

Samstag, 31. Juli 2010

Wurmkur

Der alte Wurm. Der neue Wurm.

Während man sich den neuen Wurm einhört, verflüchtigt sich der alte. Ein völlig unbekannter Wurm braucht im Durchschnitt drei Anläufe oder mehr, um sich festzusetzen. Aber dann ist er extrem ansteckend und man sollte es in Gegenwart anderer Menschen tunlichst unterlassen zu singen, zu summen oder zu pfeifen. Es ist ein Irrglaube, man könne mit Ohrwürmern die Welt zum eigenen Musikgeschmack bekehren.

Donnerstag, 8. Juli 2010

Naturtagebuch

Die Ameisenhaufen werden immer kleiner.
Drei Nadeln und das wars.

Donnerstag, 24. Juni 2010

Lärmbelästigung

Frau Sumpffuss,
eigentlich wollten wir an dieser Stelle einen Veranstaltungshinweis posten, Musizieren im Wald, Sonntag, 27. Juni, Treffpunkt 14:00 Uhr am Waldeingang. Aber das ist nun passé.

Sumpffuss: Ja, denn das Musizieren in einem Landschaftschutzgebiet könnte eine Ordnungswidrigkeit nach Absatz 1 gemäß § 74 des Brandenburgischen Naturschutzgesetzes darstellen und kann mit einer Geldbuße bis zu hunderttausend Deutsche Mark geahndet werden. Ich kann nicht im Vorraus sagen, ob ich dieses Geld werde aufbringen können. Da noch nicht klar ist, ob die D-Mark wieder eingeführt wird.













Verordnung über das Landschaftsschutzgebiet „Potsdamer Wald- und Havelseengebiet“



Sind Sie denn damit einverstanden, dass Musik im Wald eine Lärmbelästigung darstellt?

Sumpffuss: Ja, aber sicher. Sie können damit rechnen, dass ich das nicht ironisch meine.

Obwohl es nicht einer gewissen Ironie entbehrt, dass das Forstamt derzeit, zur Brutzeit! eine Harvester in das Landschaftsschutzgebiet schickt.

Sumpffuss: Das ist keine Ironie, das ist tragisch. Harvester ist in diesem Fall die englische Bezeichnung für forstwirtschaftliche Vollernter. Die Maschine fällt einen Baum von 1 Meter 50 Umfang in sieben Sekunden und sägt ihn gleich darauf in transportgerechte Stücke.











Harvester im Landschaftsschutzgebiet Anfang Juni





Und Musik kann ebenso als Lärm empfunden werden?


Sumpffuss: Ja, klar. Wer will denn für einen anderen entscheiden, was der als störend empfindet. Lärm ist nicht automatischl gleichbedeutend mit Störung, aber ich gehe in diesem Fall - menschengemachter Lärm im Wald - erstmal davon aus.




Machen Tiere auch Lärm?

Sumpffuss: Sie können sehr laut sein. Der Ruf eines Kranichs ist noch über eine Entfernung von 2km zu hören. Der Kuckucksruf trägt weit. Lärm ist das für mich nicht. Das wäre es, wenn drei Kuckucke geichzeitig und vollkommen durcheinander rufen würden oder drei Amseln auf dem selben Ast singen. Den Vogelgesang am Morgen bestreiten sehr viele Vögel gleichzeitig. Nur sitzen sie nicht alle in einer Reihe vor meinem Fenster. Ein Vogel ist ganz nah, der Nächste weiter entfernt. Das ist etwas, das ich beim Musikmachen im Wald, am Waldsee oder auf der Lichtung nachahmen würde. Die Musiker verteilen sich im Raum. Sie schaffen Abstand zwischen sich; sie verteilen sich zum Beispiel um den See und musizieren von gegenüberliegenden Ufern aus. Zum Zweiten beziehen sie sich aufeinander.
Etwas anderes sind zum Beispiel Insektengeräusche. Grashüpfer zirpen zu Hunderten gemeinsam und am Abend wird das zu einem Dauergeräusch. Daher nehme ich die Idee, dass wir Musikerinnen auch nebeneinander miteinander das Gleiche spielen können, nur eben jede ganz leise. Wir erzeugen miteinander ein Geräusch.


Oh, Sie wollen also gar nicht Mozart oder Haydn spielen?

Sumpffuss: Nein. Ich würde mich gerne einpassen in die Landschaft aus Tönen und Geräuschen, die schon da ist. Ich würde gerne ausprobieren, da mitzuwirken. Ohne störend zu wirken. Wenn ich mir jetzt ein Musikstück vornehme, dann mag es in dem einen Moment passen und im nächsten wieder nicht. Doch auf den nächsten Moment kann ich keine Rücksicht nehmen, wenn ich das Musikstück zu Ende bringen will. Hierbei ist interessant, dass Singvögel mit einem ausgeprägten, komplexen Gesang weniger gesellig sind. Der Haussperling singt recht einfach und ist verträglicher mit seinen Artgenossen als beispielsweise die gesangsbegabte Amsel, die sich stark revierbildend verhält.


Konzertsaal

Geht es um die Einfachheit?

Sumpffuss: Ich setze nicht Kunst gegen Einfachheit. Es geht um Improvisation und die findet im Wald zu bestimmten Bedingungen statt. Eine Bedingung sind die anderen Tiere um uns herum, und die will ich nicht erschrecken. Die Natur ist eine wunderschöne Bedingung dazu. Mit ihren Erscheinungen liefert sie uns die Partitur.

Hat das nicht etwas von "zurück zu den Wurzeln"?

Sumpffuss: Das haben Sie gesagt. Es liegt mir fern, dem Musizieren im Wald eine Ursprünglichkeit zuzuschreiben und der komponierten Musik damit etwas abzusprechen. Indem ich die Idee des Musikspielens im Wald in Gedanken weiter entwickelte, beschäftigte ich mich natürlich mit elementaren Dingen der Musik und des Musizierens. Das Elementare aber ist Grundstein aller Musik. Es ist nicht von unterschiedlicher Natur, ob ich nun mitten im Wald sitze oder daheim vorm Klavier.

Nun haben Sie ja im Wald gar kein Klavier.

Sumpffuss: Ich bin mir fast sicher, dass ich im Wald nicht Klavier spielen wollen würde. Den Klang eines Xylophons würde ich gegenüber dem metallischen Klingen eines Glockenspiels bevorzugen. Am ehesten stelle ich mir Flöten vor, insbesondere Obertonflöten, die miteinander harmonieren, und Percussionsinstrumente.

Wie ist das nun? Wird es eine Veranstaltung geben?

Sumpffuss: Das hängt ganz davon ab. Im Übrigen kann ich an einer Veranstaltung im Freien gar nicht teilnehmen, weil ich nur im Netz existiere. Wer außerhalb seines Bildschirms lebt, hat es da schon leichter. Nun gut.


"Der Konzertsee ist gleichzeitig die Partitur."

Montag, 7. Juni 2010

Spielanlässe

Spielanlässe gibt es viele.

Oft höre oder lese ich, dass Erwachsene nicht so vie Lust auf Spiele haben, die ihre Kinder spielen: Rollenspiele, Bausteine türmen, Puppenstube. Sie machen das dann auch mal der Kinder wegen, aber eigentlich geht es ihnen dabei nicht so gut, sie finden das Spiel gezwungen, es ist dann für sie, die Erwachsenen, kein Spiel mehr.
Ich meine, dass der Mangel an Lust auf bestimmte Spiele kein Problem sein muss. Es gibt im Alltag genug Spielanlässe, so dass die erwachsenen potentiellen Spielpartner bestimmt ein Spiel darunter entdecken würden, das ihnen spontan zusagt. Ganz ohne den Druck, sich doch wenigstens für ein Spiel zu entscheiden. Nicht irgendjemandem zuliebe. Einfach für den eigenen Spaß.

Spielanlässe wahrnehmen

Spielanlässe wahrzunehmen bedeutet zweierlei. Die erste Bedeutung ist das Gewahrwerden. Wahrnehmen, was ist. Eventuelle Gedanken, "ich müsste, ich sollte mehr mit meinem Kind spielen", werden auf diese Weise auch einfach wahrgenommen, beobachtet und dürfen weiterziehen. Mit einer neuen Aufmerksamkeit nehme ich bewusst die Impulse meines Kindes wahr, die es setzt, um mich in ein Spiel zu ziehen. Über die eindeutigen Aufforderungen und Bitten zu spielen hinaus gibt es sehr viele unaufdringlichere Impulse, mich zu einem Spiel einzuladen. Manche so unaufdringlich, dass sie gar nicht in mein Bewusstsein vordringen. Ich verpasse die Gelegenheit, mich für ein Spiel zu entscheiden, weil ich das Verhalten des Kindes gar nicht als Spielanlass wahrnehme (wahrnehmen im Sinne von bewusstem Erkennen).
Den Spielanlass wahrnehmen im zweiten Sinn heißt, ihn aufzugreifen. Dem Impuls des Kindes zu folgen und das Spiel aufzunehmen.

Wie bei der deutlichen Aufforderung, mitzuspielen, habe ich auch bei anderen Spielanlässen die Wahl zu spielen oder nicht. Indem ich mich den Signalen des Kindes in bezug auf Spielen mehr geöffnet habe, empfange ich nicht nur mehr solcher Signale, sondern entdecke darunter auch für mich Gelegenheiten zu spielen. Auf diese Weise spielen mein Kind und ich wieder öfter mit einander.