Sonntag, 19. Dezember 2010

Monsterspuren

Ich esse Schnee, ich trinke Schnee, ich stiebe den Schnee und ich bade darin.
Ich verbiete meinen Kindern, in den Schnee zu pullern.
Ich atme Schnee und ich puste ihn aus.
Meine Kinder schneien den Schnee von den Wipfeln der Kiefern. Kiefernstämme biegen sich weit, weit und schnippen mit Schnelle zurück.
Ich bücke mich nur noch selten nach den Bäumen.
Ich räume den Schnee vom Himmel, bis der ganz voller Sterne ist.
Bei Tag liege ich zugeschneit.
Die Kinder schlafen längst, während ich noch einmal in den Himmel blinzel, der sich mit Schneewolken zugezogen hat. Der Himmel macht sich groß, um den vielen Schnee zu fassen. Bald berührt er meinen Rücken und ich sehe nichts als Flocken. Sie schneien mir in die Augen und, als ich gähnen muss, in den Mund.
Es ist gerade erst dunkel, wenn die Kinder mich wecken. Sie sagen, es wäre schon lange Zeit Nacht, und scheuchen mich auf. Sie pullern in hohem Bogen in den Schnee und rufen:
"Du darfst uns nicht verbieten."
Dann schlittern sie auf den frischen Eisbahnen.
Ich verwische unsere Spuren mit der Quaste von meinem Schwanz.
Wäre nicht das letzte Kind. Das läuft stets drei Schritte hinter uns anderen und macht die Spuren neu.
Kinderspuren, denke ich, und lasse es dabei.

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Samstag, 11. Dezember 2010

Deschooling Notizen 005









Die Bäume klingen verschieden, die einzelnen Spechtarten auch. Vom Klopfen der Spechte gibt es Sonagramme, die sehen sehr hübsch aus - wie auf S. 5 des verlinkten pdf-Dokuments "Egretta. Vogelkundliche Nachrichten aus Östereich."
Vielleicht kann ich das Klopfen lernen. Aus meinem Vogelbuch, wo die Sonagramme von sieben verschiedenen Spechtarten abgedruckt sind.

Und nebenbei: die Spuren von Eichhörnchen im Schnee enden oder beginnen kurz vor einem Baumstamm.

Manchmal habe ich gar keine Lust, aus dem Schulbuch zu spielen. Es ist ok, mit Hilfe eines Buchs zu üben. Doch das Buch hat nicht alles, was ich will. Was ich will, soll "unheimlich" klingen oder nach "Universum", nach einer "Katze" oder wie der "Mikrokosmos" - es gibt verschiedene Vorstellungen, die ich ausspielen will, so wie einem Kind einfällt, in welche Rolle es schlüpfen mag, wenn es das spielt, was die Erwachsenen Rollenspiel nennen.

Was ich mache, was ich will, kommt einfach so zu mir. Ich mache, was ich will. Dabei stoße ich regelmäßig auf Aufgaben, von denen ich im Vorhinein gar nicht weiß, ob ich sie lösen kann. Ich will Musik spielen, von der ich keine Noten bekommen kann. Bleibt mir, die Musik im Ohr zu behalten oder sie zu notieren. Beim Aufschreiben der Noten, lerne ich die Musik etwas anders kennen. Ich mache mir Gedanken über das Instrument, das sie spielt. Tenorsaxophon oder Alt. Auf seinem Tenorsaxophon geht der Musiker bis an die Grenze des Instruments. Der tiefste Ton. Wenn ich das so auf dem Altsaxophon spielen will, muss ich die Tonart wechseln. Nicht nur, weil mein Instrument transponiert, sondern überhaupt. Ich übe es, den tiefsten Ton zu spielen, als wäre er so leicht wie Luft.

Beim Noten Aufschreiben zerlegt sich die Melodie. Ich bestimme Intervall für Intervall. Die Kopfhörer im Ohr, bekomme ich trotzdem noch mit, wie der Mann hinter der Cafébar zu seiner eigenen Scheibe singt. Vielleicht bin ich lauter, als ich selbst wahrnehme. Aber ich freue mich gerade so über die Intervalle. Zwei Quarten aufwärts, eine und noch eine, dann eine kleine Terz abwärts, Quinte abwärts zum ersten Ton, kleine Terz hoch. Bei der Wiederholung weicht nur ein Ton ab, und ich bin gespannt, welcher das ist. Es ist für mich wie in einem fremden, dichten Wald. Ich bin kein Genie, ich lerne das alles erst noch. Der vierte Ton weicht ab - keine Terz mehr, sondern eine große Sekunde. Wie Musik gestrickt ist!

Improvisieren, sagt der Akkordeonspieler, Improvisieren ist das Wahre! Improvisieren, hat auch der Gitarrist gesagt, sei wirkliches Musikmachen. Nicht umsonst heiße es, meint er, dass man Musik spielt, und spielen könne man nicht, wenn man sich an Noten und Spielanweisungen halten muss. Mir geht es anders, ich bin doch schon im Spiel, die Ohrwürmer - ja, es sind so ca. fünf an der Zahl - werden mir nicht lästig. Ich höre ihnen in Ruhe zu, wenn ich in der Fernbahn oder der Straßenbahn sitze. Keine Stöpsel im Ohr, nur der Wurm und ich.

Die Themen werden notiert, die Improvisationen, wenn es mir gelingt, auch.

Es war keine Zeit, dem Akkordeonspieler zu erklären, dass ich auf diese Weise mein improvisatorisches Können ausbauen will. Improvisieren lernt man, indem man es tut, hätte er mir dann vielleicht geantwortet. So hat er es vielleicht gelernt, vielleicht aber auch anders; kann ich ihn fragen. Ich treffe ihn sicher noch öfter. Er hat mir sein Akkordeon geschenkt. Er liebt Schlager. White Christmas tönt es bald für ihn von meinem Balkon und ein Specht sorgt für die Percussion. Vorher lerne ich noch schnell, Akkordeon zu spielen.

Dienstag, 23. November 2010

Läuseleuseleuse

Ehe es woanders keine mehr gibt, noch dieser eine Blogeintrag zu den Läusen. Wo es doch noch so viele von ihnen gibt! Haare! Tagelang nicht gekämmt! Allenfalls beim Baden in Wasser getunkt. In diesem Gewirr nach Läusen zu suchen, quält die Augen. Kribbelige Finger entzausen und teilen die Strähnen. Mal wandern sie zum eigenen Kopf, um ihn zu kratzen, dann setzen sie ihre Arbeit fort.
Es ziept!
Ich gemahne meinen Fingern Vorsicht und den Augen, dass sie auch die Nissen suchen. Alles mögliche schwirrt in diesen Haaren. Ein Lutscher von Vorgestern und ein Kaugummi, auf dem der Kopf mal geschlafen hat. Flüchtige Gedanken wie Schmetterlinge im Sommerflieder und noch so viel, was ich dir erzählen wollte. Schuppen wie von einem krumpeligen, goldenen Fisch fallen vom Kopf. Der Milchschorf aus einer anderen Zeit. Das Haar riecht.
Ich kenne deinen Geruch aus der anderen Zeit; ich stecke meine Nase nicht mehr so oft in dein Haar wie früher. Doch ich puste. Ein heftiger Wind fährt den Läusen ins Gesicht. Sie halten sich schützend ein Paar Gliedmaßen vors Gesicht, solange der Wind  anhält. Dann sehen sie ihrer Entdeckung entgegen.
Nein, keine Läuse. Ja, schon umgezogen. Nissen haben sie auch keine dagelassen.
Ich kratze mich wieder am Kopf, nachdenklich.

Samstag, 6. November 2010

Dienstag, 2. November 2010

Deschooling Notizen 004

Beim Deschooling komme ich nicht umhin zu lernen. Ich wollte wissen, was ein Lithophon ist, und fand, dass ich schonmal auf einem gespielt hatte. Wie hatte der Mann damals noch sein Instrument genannt? Das ist dem Vergessen anheim gefallen. Er hatte seine Steine aus den Dolomiten, er hatte vor Ort probiert, wie sie klingen. Sie waren unbearbeitet. Flache Scheiben. Aber groß! Wie hat er die nur geschleppt! Singende Steine, jetzt fällt es mir wieder ein. Oder einfach Lithophon. Die Schlegel, um die Steine zum Klingen zu bringen, waren aus Hirschgeweih.
Ich erinnere mich wieder an das Gefühl, etwas gelernt zu haben und es anderen gerne mitteilen zu wollen, wie gerade.

Freitag, 29. Oktober 2010

Unterwegs

Berlin 14:01 Mit etwa 5 Minuten Verspätung. Das Kamel im Zoo steht zur rechten Zeit da. Zwei Höcker sind sein Rücken, zwei Höcker sind vor seinem Bauch. Ein stillendes Kamel. Nur ein Augenblick. Eins ins andere geschoben.

Das Dunkel des Herbstabends bringt Gebäude von innen zum Leuchten. Eines besticht meinen Blick, weil es aus lauter Regalen besteht. Sein Inneres zwar, denn die Fassade ist aus Glas und Beton, aber sieh nur! Du könntest die Betonstreben wegnehmen und das Kartengebäude aus Bücherregalen würde nicht einstürzen. Schwarze Regale bis zur Decke in jedem Stock, Fenster für Fenster fällt der Blick in die Regalreihen, Reihe für Reihe parallel in immergleichen Abständen. Die Abstände sind für die Menschen da, die sich im Kartenhaus bewegen. Vor allem drehen sie ihre Köpfe und schwenken den Blick. Dann ziehen sie ein Buch zwischen den anderen hervor und nichts wackelt. Der Zug zieht vorbei, es dauert lange, so weit ist die Fassade. Bücher und Menschen wechseln die Plätze, das Haus zittert nicht.

Einen Vorgeschmack auf Halloween bekam ich beim Fahren mit der U-Bahn. Die Ansage in englischer Sprache warnte vor dem Ausstieg an der nächsten Station:

MIND THE GAP