Mittwoch, 6. März 2013

Keine Einladung zum Teetrinken

 
Ich glaube nicht, dass Alice vom Hutmacher eingeladen worden ist. Es ist jetzt schonn einige Zeit her, dass ich das Buch gelesen habe, aber ich glaube, es war so: sie ist nicht eingeladen worden. Sie hat sich unaufgefordert an den Tisch gesetzt, vielleicht war sie so höflich zu fragen, aber man hat ihr nicht geantwortet. Ganz sicher hat Alice höflich gefragt, sie ist eine Figur aus einer Zeit, in der die Kinder wohlerzogen sind und Erwachsene sich dann und wann für sie interessieren. Den Hutmacher fand ich ziemlich ignorant und ich bewunderte Alice dafür, dass sie sich zu ihm setzte und aus einer leeren Teetasse Luft trank. Kinder tun oft, als ob.


Möglicherweise steht im Buch alles ganz anders. Der Hutmacher hat seinen Hut geschwenkt und Alice zu Tisch gerufen. Alice durfte aus der Kanne Tee in jedes Täschen schenken, in das vom Hutmacher, dann in die Tasse vom Wiesel und zuletzt sich selbst. Möglicherweise habe ich ein oder zwei Gäste vergessen und ebenso ist es möglich, dass sich das Wiesel und der Hutmacher mit Alice über die Herzkönigin ausgetauscht haben.

Ich habe nur in Erinnerung, dass Alice so höflich geblieben ist, das Gespräch der beiden Erwachsenen nicht zu unterbrechen. Aber sicher bin ich mir nicht. Ach mensch, soll ich das Buch holen und noch einmal lesen? Wie man 's mit der Bibel macht.

Da steht, es sind der Märzhase und der Hutmacher, und mein Wiesel ist ein Siebenschläfer. Der schläft aber und kann anfangs gar nicht mitreden. Alice ist ärgerlich, anstatt höflich zu bleiben. Sie hat wirklich keine Einladung und setzt sich auf einen leeren Sessel, der bereits besetzt ist.
Sie spielen Rätslraten und singen bei allgemein schlechter Stimmung.

Wie meine Erinnerung doch alles verdreht!

Ich bewundere Alice! Möchte ich wirklich im Wunderland Tee trinken aus Tassen, die schon benutzt worden sind? Unangemeldet zur Teezeit im Wunderland auftauchen, mir einschenken und mitreden und wieder gehen, wenn ich will.

Donnerstag, 28. Februar 2013

Frühe Lichtsammler


Kiefer bei der Photosynthese
Kiefern sind schlauer. Sie betreiben Photosynthese auch im Winter und dafür reicht es selbst dann, wenn die Sonne hinter einer dicken Wolkendecke nicht zu sehen ist. Andere Bäume sind aber auch nicht dumm. Die Lärche nadelt zwar, doch nutzt sie wie Birke und Buche die kalte, lichtarme Zeit für eine Ruhezeit.

Könnte ich wählen, ich würde lieber Winterschlaf halten. Anmerkung R. Sumpff.



Sonne spendet Licht

Ruhende Buche im Winterlicht

*Auszug aus Die richtige Beleuchtung von Prof. Dr. Moor, eine Fotografin, die schonmal drei Jahre in London (GB) gelebt hat.

Naturtagebuch S. 213


Zu der Abbildung 9213 findet sich eine Referenz auf meinem anderen Blog.

Samstag, 16. Februar 2013

Sonnentaler (II)

Die Sonne bildet sich ohne Absicht auf der Erde ab. Im Sommer, denn da haben die Bäume noch dichtes Haar. Ich wünsche mir nur einen einzigen Sommertag. Morgen, wenn ich die Augen öffne. Sonnentaler zu finden unter den Baumkronen. Zitat aus einem unveröffentlichten Beitrag

Das Licht einzufangen habe ich mich aufgemacht. Es braucht ein winziges Loch in einer schwarzen Schachtel und ein bisschen billigen Film. Ich habe die Bastelanleitung von Aileen Wessely befolgt: Weltweiter Tag der Lochkamerafotografie Aileen Wessely ist Redakteurin von kwerfeldein.de, dem einzigen online-Magazin für Fotografie, bei dem ich bis jetzt hängen geblieben bin. Wessely beschreibt sehr genau, wie man aus einer Streichholzschachtel eine Analoge Kamera bauen kann. Was mich verblüfft hat: Streichholzschachtel und Kleinbildfilm sind wie füreinander gemacht. Die Maße einer Schachtel betragen Länge mal Höhe mal Tiefe 5 cm × 3,5 cm × 1,5 cm. Die Höhe passt zur Filmbreite eines Kleinbildfilms. Die Tiefe bedeutet, dass zwischen Loch und Film 1,5 cm liegen. Dieser (geringe) Abstand macht aus, dass die Kamera das Licht aus einem weiten Winkel auf den Film bannen kann.

Die Bastelei dauerte ihre Zeit und brauchte meinen festen Glauben an die Theorie und daran, dass es auch mir es gelingen würde. Dass auch ich ein Lichtfänger sein könnte. Die Kamera muss bis auf ein einziges Loch lichtdicht sein. Eigentlich wird das Licht mehr ausgesperrt als eingeladen. Und das Loch, durch das es dringen darf, muss wirklich winzig sein. Dieses unfassbare Licht soll sich konkretisieren. Ich will Rot und Grün und Blau auf meinem Film sehen, und Linien, farbige Gegenstände eben.


So sieht meine Kamera aus.

Sie ist noch zu leicht und so fehlt es ihr an Standfestigkeit. Das ist ein Problem beim Lichtfangen.

Und dann.

Das Licht braucht Zeit. Es geht nicht darum, Unmengen von Licht zu fangen. Eine ganz bestimmte Menge muss es sein, nicht zu viel, aber wenigstens so viel, jedoch nicht mehr und nicht weniger. Der erste Versuch schlug fehl.

Er zeigte mir zumindest, an welchen Stellen die Kamera noch nicht lichtdicht war. Die minimale Durchlässigkeit an den Seiten rechts und links des Schachtelgehäuses, wo die Filmpatronen ansetzen, wäre aber kein Hindernis für gute Bilder gewesen. Problem: Durch das Loch war kein Licht auf das Filmmaterial gelangt. Es verbleiben ein leeres Filmband (entwickelt und ungeschnitten) und eindrucksvolle Bilder in meiner Erinnerung - sekundenlange Momente vor dem See und blauschwarzem Dezemberhimmel, Boote ruhen und Bäume, es will bald regnen statt schneien und die Sonne drängt sich zu gleicher Zeit hinaus.

Für den zweiten Versuch piekste ich das Loch nochmal ein bisschen - ich piekste das schon vorhandene Loch, aber ich stach nicht durch. Ich prüfte mit der Taschenlampe - das Muster der LED-Pünktchen bildete sich auf der Hinterwand der Schachtel ab. Beim zweiten Versuch wählte ich die Belichtungszeiten großzügig und notierte für jedes Bild den Ort, die Zeit, die Lichtverhältnisse und die Belichtungszeit, wie das moderne Digitalkameras auch können. Die Blende blieb ja immer die selbe - das Loch.


Wir sind mit einem Regionalzug in den Berliner Hauptbahnhof eingefahren. Für die Zeit seines Haltes öffne ich die Blende. Es ist ein Foto durch die Scheibe. Lampenlicht im Zug und bedeckter Himmel über der Glaskuppel des Bahnhofs. Die Stoppuhr misst 55 Sekunden, dann die Blende schließen, denn in der nächsten Sekunde ruckt der Zug schon an zur Weiterfahrt.


Lampenlicht statt Sonnenlicht.

Beim Bild vom Bär wartete ich 7 lange Minuten, ehe ich die Blende schloss. Dem Kind, das seinen Freund fotografiert haben wollte, war das zu lang. Es vergaß inzwischen, dass die Lichtbildaufnahme noch lief, und tanzte durchs Bild. Seine Spur hat es an der Stehlampe hinterlassen. Die ist stärker verwackelt als der Rest des Bildes.

Beim 13. Bild meines Films habe ich mit 3 Minuten zu viel Licht in die Schachtel gelassen. Vor den Fenstern war ein eher dunkler Tag mit bedecktem Himmel.


Die Aufnahmen bei Sonnenwetter kann ich gar nicht zeigen. Nach 7 Sekunden Belichtungszeit ist auch das Bild mit der kürzesten Belichtungszeit fast weiß.

Weitere Versuche sollen in freier Natur mit ausgewählten Motiven erfolgen unter Zugrundelegung meiner Erfahrungen mit dem zweiten Film, wenn die Grippe mich nicht mehr ans Bett fesselt und draußen die Zeit der Sonnentaler ein kleines Stück näher gerückt ist.

Anmerkungen:
1) Bilder im Beitrag zur besseren Ansicht anklicken
2) Sonnentaler sind Minaturabbildungen der Sonne auf dem Erdboden unter belaubten Baumkronen. Dabei wirkt das gleiche Prinzip, was wir uns bei der Lochkamera zu Nutze machen. Winzige Löcher im Laubwerk bündeln bei entsprechendem Sonnenstand und Sonnenwetter die Sonnenstrahlen.

Samstag, 19. Januar 2013

Gehorsamkeit

Buchempfehlung für
Ella, verzaubert von Gail Carson Levine

Eines Tages, sehr früh schon in meiner Entwicklung, habe ich beschlossen, gehorsam zu sein. Auch wenn es mir Probleme machte, zu gehorchen, so schien mir Gehorsam doch immer noch die naheliegende Lösung.

Zu Beginn ihres Lebens erhält Ella die guten Wünsche ihrer Feen. Sie möge ein gehorsames Kind sein. Als ich frisch eingeschult war, hätte ich gefunden, dass dies ein weiser Wunsch war. Den gehorsamen Kindern ging es besser. Die ungehorsamen kassierten schlechte Noten in Betragen und Fleiß, die ungehorsamen mussten Strafe fürchten. Die Erwachsenen liebten sie nicht.

Ellas Mutter ist eine Frau, die weiß, was sich gehört. Und sie rutscht Treppengeländer. Sie liebt ihre Tochter und rät ihr, niemandem von dem Fluch zu erzählen. Von dem Fluch, jedem Befehl Gehorsam leisten zu müssen.

Lange gehorchte ich den Erwachsenen mit ganzem Herzen und nahm ihre Märchen für bar. Auch wenn ich wusste, dass Knecht Ruprecht nicht kommt, glaubte ich doch an die Moral: der Böse würde die Strafe davontragen, er würde keinen frohen Tag beschert bekommen, sondern beschämt vor aller Welt stehen in Unterhosen und Hemd und tropfnassen Haaren.

Statt Ella wurde mir der Struwelpeter vorgestellt. Hätte ich Ella kennengelernt, hätte ich sie überhaupt verstanden? Hätte ich kapiert, dass ich den Ungehorsam brauchte? Dass nur er mich retten konnte? Musste ich gerettet werden? Brauchten nicht vielmehr die Ungehorsamen Rettung?

Ella erfindet Tricks, die an sie gerichteten Befehle zu unterlaufen. Ist ein Befehl nicht präzise genug, so kann seine Ausführung der Absicht des Befehlenden ganz schön zuwider laufen.
In mir übernahm der Widersetzergeist erst sehr spät in meinem Leben so manche Situation und Lebenslage. Und dann auch nur, weil der gehorsame Geist trotzte (sic!). Ich hatte noch nicht vergegenwärtigt, welch existenzielle Bedeutung der Widerspruch für mich haben sollte. Mit dem Gehorsam hatte ich mich unsichtbar gemacht. Wenn ich mich zuweilen widersetzte, so wollte ich doch unsichtbar bleiben. Ella dagegen zeigt, dass sie nicht gewillt ist, einem Befehl willenlos Folge zu leisten. Sie zeigt sich. Ich habe mich entzogen - mich meinen Erziehern entzogen sowie mir selbst. Indem ich gehorchte, habe ich verlernt, wonach mir eigentlich der Sinn stand. Eigene Entscheidungen gab es wenige. Mein Willen zählte vor mir selbst nicht mehr viel.

Die Fee zu finden, die ihren Wunsch zurücknehmen kann, zieht Ella in die Welt. Die Welt ist gefährlich, doch so ein Fluch ist es nicht weniger, und ich weiß nicht, was aus Ella geworden ist, denn ich habe das Buch noch nicht zu Ende gelesen. Vorher will ich es Ella gleich tun.

Gail Carson Levine (1999) Ella, verzaubert. München

Freitag, 7. Dezember 2012

Sonnentaler

Seit Monaten hast du mir kein freundliches Zeichen mehr gegeben. Gestern am Abend erreichen mich deine Grüße. Die Überbringerin hat ein warmes Herz. Drum sind auch die Grüße ganz warm. Das Wasser für den Grünen Tee lasse ich kochen und zwei Minuten abkühlen. Beim Aufgießen ist es noch immer sehr heiß.

Im November habe ich daran nicht mehr geglaubt. Unwahrscheinlich wie das Laub, das in den Bäumen glüht. Frag ich mich, warum tust du das? Warum sendest du Grüße aus?

Die Sonne bildet sich ohne Absicht auf der Erde ab. Im Sommer, denn da haben die Bäume noch dichtes Haar. Ich wünsche mir nur einen einzigen Sommertag. Morgen, wenn ich die Augen öffne. Sonnentaler zu finden unter den Baumkronen.

Was hast du dir beim Grüßen gedacht? Hast du dir vorgestellt, mit mir das Licht einzufangen, das die Herbstsonne durch die Blätter schickt?

Komm Wind! Wir wollen einen Tag lang richtig gute Musik machen.
Ich wünsche mir einen Tag, an dem ich wieder singen kann. Wenn nicht mit dir, dann mit dem Wind.

Ich habe Steine auf mein Herz gelegt. Ein Stein liegt dort für dich. Er drückt mich, anstatt du das tust. Er füllt aus, wo vorher keine Lücke war. Und er hält mein Herz verschlossen. Kein Gruß von dir hält Einzug. Er könnte gedankenlos von dir dahingesprochen sein.

Freitag, 30. November 2012

Aufbewahrung

Die Ameisen sind nicht mehr da. Die Wespen fehlen.
Das Laub liegt unter den Bäumen.
Der See trägt Eis.

Auch wenn die Lärchen ihre Nadeln verstreuen, unterbricht sich das Leben nicht.
Ich stelle mir vor, wie die Kröten sich bis zum ersten warmen Tag im April in der Erde aufbewahren.

Die Mondsichelschlange wartet in einem geschützten Spalt auf das Ende des Winters.