Sonntag, 28. Dezember 2008
Böses Buch
Nun mag ich nicht die Welt in gut und böse einteilen, aber daran liegt Toni und Slade Morrison sicherlich auch nicht, wenn sie in kurzen plakativen Sätzen schreiben, wer böse ist und was und wie. Pascal Lemaître hat die Bilder gemalt, die am Beispiel eines harmlosen weißen Kaninchen veranschaulichen, worum es geht. Die ganz eigene Sicht des Kaninchens ist auf den Seiten dargestellt. Der Leser ist frei, ihm in dieser Sicht zu folgen oder sie abzulehnen, sie zu verstehen oder sich darüber zu empören. Gerade Kinder können den Protagonisten wahrscheinlich sehr wohl verstehen und mögen seine meinung in vielen Dingen teilen.
Das Buch der Bösen gibt es erst seit 2005 in der deutschen Übersetzung von Harry Rowohlt. In den USA und Kanada konnte man schon seit 2002 lesen, dass ErzieherInnen mean sind. Da hieß es The Book Of Mean People.
Interessanter noch als mein Blogeintrag sind die Kundenrezensionen auf amazon.de. So sei das Buch kein Gutes, weil es die Erziehungsversuche der erwachsenen Karnickel an dem harmlosen Kind böse heißt, weil das weiße Kaninchen, was ja noch ein Kind ist, Actionfilme guckt und nicht auf die Mutter hören muss. Und weil es Erwachsene denunziert? Mögen die Erzieher unter uns sich denunziert fühlen und denken, dies sei ein böses Buch. Ich denke, sie haben zu Recht Angst, es ihren Zöglingen vorzulesen.
Slade Morrison & Toni Morrison (2005) Das Buch der Bösen. Düsseldorf.
Samstag, 20. Dezember 2008
Der Jude Jesus - Eine Buchvorstellung
Pinchas Lapide - Ulrich Luz:
Der Jude Jesus
Thesen eines Juden
Antworten eines Christen
Benziger Verlag, Zürich, Einsiedeln, Köln, 4. Auflage 1986
Zu den Autoren:
Pinchas Lapide wurde am 28. November 1922 in Wien geboren. Er war jüdischer Theologe und Religionswissenschaftler. Er verfasste zahlreiche Veröffentlichungen zum christlichen sog. Neuen Testament sowie zum jüdisch-christlichen Dialog und war Gastprofessor an verschiedenen Hochschulen.
"Nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland kam er 1938 in ein Konzentrationslager, aus dem er jedoch fliehen konnte. Über die Tschechoslowakei und Polen floh er dann nach Großbritannien. Von dort aus gelangte er 1940 mit einem Schiff nach Palästina."
Nach dem 2. Weltkrieg zog Pinchas Lapide nach Frankfurt am Main, wo er am 23. Oktober 1997 starb.
"Nach seinem Tod setzt seine Witwe Ruth Lapide sein Anliegen fort."
Ulrich Luz wurde am 23. Februar 1938 in Männedorf / Schweiz geboren. Er ist ordentlicher Professor der Theologie an der Universität Bern, hat Gastprofessuren in Rom und Pretoria und verfasste zahlreiche Publikationen. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind das Matthäusevangelium, die Hermeneutik sowie die Religionsgeschichte des Urchristentums.
Zum Inhalt des Buches:
Pinchas Lapide stellt in diesem Buch drei Thesen auf.
1. Jesus hat sich seinem Volk nicht als Messias kundgegeben.
2. Das Volk Israel hat Jesus nicht abgelehnt.
3. Jesus hat sein Volk nie verworfen.
Zur Einführung in das Buch werden hier erst einmal nur die (umfangreiche und inhaltlich wichtige) Einleitung und die erste der drei Thesen Lapides vorgestellt.
"Aus Kleingläubigkeit wurde der Andersgläubige zum Ungläubigen verketzert, ja oft sogar zum Unmenschen verteufelt. Das ist das traurige Fazit der fast zweitausendjährigen Entzweiungsgeschichte von Juden und Christen." So beginnt die Einleitung Lapides. Er fährt fort: "Erst heute dämmert uns allen die biblische Binsenwahrheit, daß Gottes universale Vaterschaft zwangsläufig alle Gläubigen unter ein-und-dieselbe schrankenlose Gnadenliebe stellt, die weder heillose Stiefkinder noch ein Sonderheil für Auserkorene kennen kann.
Dank dieser Einsicht stehen wir heute am Anfang eines Dialogs, den es seinesgleichen noch nie gegeben hat: Das erste unbefangene Glaubensgespräch zwischen den leiblichen Brüdern Jesu und seinen geistigen Jüngern - seit dem Auseinandergehen der Wege von Kirche und Synagoge."
Im weiteren Verlauf der Einleitung wird die judenfeindliche Seite der Kirchengeschichte beschrieben, z.B.: "Nicht weniger als 96 Kirchenkonzilien und 114 Päpste haben Gesetze gegen die Juden erlassen, die Israel verhöhnten, verpönten, enterbten, enteigneten, zu Parias entwürdigten und an den Rand des Untergangs brachten." Erinnert wird auch an den Schrei der Kreuzfahrer: "Taufe oder Tod!" und an andere judenfeindliche Äußerungen, von denen viele von Kirchenvätern und anderen bedeutenden Personen der Kirchengeschichte und -gegenwart stammen. So schreibt zum Beispiel ein Günther Schiwy: "Jesus ist der vom AT verheißene Messias, das auserwählte Volk aber hat ihn abgelehnt, was die heilsgeschichtliche Verwerfung des Volkes zur Folge hat."
Pinchas Lapide: "Der Abbau von schriftwidriger Feindseligkeit und der Aufbau biblischer Nächstenliebe ist das einzige Anliegen des Autors [Lapide, M.U.]. Falls es sich jedoch erweisen sollte, wie hier auf Grund neutestamentlicher Aussagen behauptet wird:
- daß Jesus sich seinem Volk nie als sein Messias offenbart hat;
- daß Israel ihn also nicht als seinen Erlöser anerkennen konnte;
- daß die Mehrheit aller Juden, die Jesus ansprach, ihm einen begeisterten Empfang bereiteten;
- daß von "Judenschuld" an seinem Kreuzestod keine Rede sein kann;
- daß Israel Jesus ebenso wenig ablehnte, wie er nie sein Volk verwarf;
- sondern daß seine ungeteilte Liebe, über den Tod hinaus, seinem Volk galt,
dann kann die christliche Theologie an diesen Tatsachen nicht vorbeischweigen."
Seine 1. These JESUS HAT SICH SEINEM VOLK NICHT ALS MESSIAS KUNDGEGEBEN begründet Pinchas Lapide in mehrfacher Hinsicht. Zuerst umreißt er die vielfältigen Messiasvorstellungen vor und zu Jesu Zeiten, denen Jesus nicht entsprach und die Jesus nicht verwarf ("Kein Jota der Thora wird vergehen...").
Dabei wird die politische oder besser gesagt irdische siegende Funktion deutlich. Der Messias ist einer, "der von Jerusalem aus das endzeitliche Friedensreich auf den ganzen Erdkreis ausbreiten soll. Je tiefer das Elend der Unterdrückung, um so erhabener gestaltet sich die Figur des Heilsbringers, um so energischer pocht die intensive Naherwartung auf seinen Einzug. Dem Glaubenspluralismus des Judentums getreu, entwickelte sich unter dem Druck des Römerjoches eine schillernde Vielfalt von Messiashoffnungen, die jedoch hauptsächlich nicht seiner Person galten, sondern vor allem dem Gottesreich, das er, als gehorsames Werkzeug Gottes, erwirken soll."
Lapide nennt elf entscheidende biblische Merkmale des messianischen Zeitalters, von denen ich hier nur das elfte wiedergeben will: "Das messianische Friedensreich
´Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berg; denn die Erde wird voller Kenntnis des Herrn sein, wie das Wasser das Meer bedeckt.` (Jes 11,6-9)"
Es ist klar, dass die Welt dessen noch harrt.
"´Hat also Jesus den traditionellen Messiasbegriff umgeprägt?` fragt Rudolf Bultmann, mit vielen anderen, die eine ´Vergeistigung` dieses Titels befürworten - worauf er antwortet: ´Das könnte nur die Überlieferung lehren. Aber wo zeigt es sich in ihr? Wo findet sich in Jesu Worten Polemik gegen den herkömmlichen Messiasbegriff? Sie findet sich sowenig, wie sich eine Kritik an der jüdischen Vorstellung von der Gottesherrschaft findet.`"
Ein anderer entscheidender Punkt ist folgender: Im Anschluss an fast jede seiner in den Evangelien beschriebenen Krankenheilungen fordert Jesus die Geheilten und die Umstehenden dringend auf, nichts davon weiterzuerzählen. Es gibt keine Bibelstelle, wo Jesus sich in der Öffentlichkeit als Messias bekennt. Der Vorwurf an "die Juden", sie hätten den Messias Jesus nicht anerkannt, ist schon allein daher absurd.
(Was ein eventuelles Bekenntnis nur im Kreis der Jünger betrifft, so wird immer wieder gern das Bekenntnis des Petrus (Mk 8,27-30; Mt 16,13-23; Lk 9,8-22), genannt. Doch dieses ist höchst umstritten. So meint der Theologe R. Bultmann: "Die Szene des Messiasbekenntnisses des Petrus ist eine von Markus in das Leben Jesu zurückprojizierte Ostergeschichte."
Oder Eduard Schweizer: "Da die genaue Ankündigung des Leidens und Auferstehens Jesu (Mk 8,31) unmöglich in dieser Form von Jesus geäußert worden ist - die völlige Ratlosigkeit der Jünger am Karfreitag wäre sonst unbegreiflich - vermuten manche, dass die scharfe Zurückweisung des Petrus (8,32f) historisch gesehen direkt auf den Satz ´Du bist der Messias` gefolgt wäre, so dass Jesus also den Titel völlig abgelehnt hätte.")
Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass auch die zweite These DAS VOLK ISRAEL HAT JESUS NICHT ABGELEHNT und die dritte These JESUS HAT SEIN VOLK NIE VERWORFEN mit ihren Begründungen und auch die Antwort des christlichen Theologen Ulrich Luz höchst aufschlussreich und erhellend sind.
M. U.
Sonntag, 14. Dezember 2008
Biber drohen mit Stau
Hier droht ein Biber, den Grenzfluss zu stauen.
"Der Fluss markiert eine Grenze.", sagt die Grenzbeamtin. "Den Bibern wie unseren Kindern müssen wir das klar machen. Sie brauchen das."
"Früher wurden Jugendliche, die von unserer Patrouille zu später Stunde noch im Grenzbereich angetroffen wurden, rigoros aufgefordert, sich auf den Boden zu legen, damit unsere Grenzposten sie auf Waffen durchsuchen konnten.", plaudert die Beamtin aus dem Nähkästchen. "Mit den Bibern machen wir das heute nicht anders. Wir überraschen sie nachts beim Liebesspiel; dann wird aufgeblendet und die Sache ist vorbei."
Wenn weiter so hart durchgegriffen wird, werden solche Drohgebärden wie die oben dokumentierte bald der Vergangenheit angehören. Die Biber wissen wieder, wo es lang geht. Deutsche Pädagogen hoffen zudem auf einen starken Winter, der es den Bibern einmal so richtig zeigt.
Mittwoch, 10. Dezember 2008
Ernste Musik
Das Märchen von der Zauberflöte wird nur noch drei Male und nicht mehr in diesem Jahr gegeben. Außerdem läuft an der Deutschen Oper Berlin auch Die Zauberflöte als "große Oper in zwei Aufzügen".
Sonntag, 30. November 2008
(3) Kritik durch Martin Buber
Kritisiert wurde die Rede von den „schöpferischen Kräften im Kind“ 1925 von Martin Buber. Buber hielt den Eröffnungsvortrag auf der III. Internationalen Pädagogischen Konferenz in Heidelberg, worin er von den schöpferischen Kräften sagt, sie seien der Boden, das Fundament menschlicher Existenz seien sie nicht. „Nicht im freien Selbstvollzug der Kräfte, sondern in deren ‚Verbundenheit’ konstituiere sich das Menschliche.“ (Schaller 1995, S.15)
„Zu allen Zeiten ist wohl geahnt worden, dass die gegenseitige Wesensbeziehung zwischen zwei Wesen eine Urchance des Seins bedeutet, und zwar eine, die dadurch in Erscheinung trat, dass es den Menschen gibt.“ schreibt Buber (Buber 1994, S.299). Jacoby ist so sehr daran interessiert, die negativen Wirkungen in der Beziehung zwischen Zögling und Erzieher vom Zögling fernzuhalten, dass er dabei meines Erachtens die Bedeutung der Beziehung zwischen Erwachsenem
und Kind verkennt. Jacoby hat erkannt, wie die Absicht, das Kind zu formen, die
Anlagen des Menschen verkümmern lassen bzw. an ihrer Entfaltung hindern kann. Den Menschen aber als Monade zu beschreiben und die „[...] ‚Potentialität’ des monadisch verstandenen Subjekts als [das] Fundament menschlicher Existenz und Lebensführung [...]“ (Schaller 1995, S.14) anzusehen, übersieht, dass der Mensch ein soziales, auf dialogische Kommunikation hin angelegtes Wesen ist. So ist auch die musikalische Äußerung nicht vom dialogischen Prinzip zu trennen. Sie ist sowohl Aktion als auch Reaktion, sowohl Ansprache als auch Antwort.
Literaturnachweis:
Buber, Martin (1994) Das dialogische Prinzip. Gerlingen.
Schaller, Felicitas (1995) Leibverfassung und Sinnlichkeit. Zur pädagogischen Begründung der Musikalischen Früherziehung. In: Sirker, Udo (Hg.) (1995) Impulse zur Musikpädagogik. Essen. S. 11-50.
(2) Jacobys Konzept einer Musikerziehung
Die Grundannahme, die Jacoby mit vielen Zeitgenossen teilt – 1925 fand in Heidelberg die III. internationale Pädagogische Konferenz genau zu diesem Thema, „Die Entfaltung der schöpferischen Kräfte im Kinde“, statt –, ist, dass im Menschen schöpferische Kräfte angelegt seien, und zwar alle zum Leben notwendigen. In diesen schöpferischen Kräften liege das ganze Potential des Menschen, das es zu entfalten gelte. Denn die menschliche Existenz baue auf
diesem Potential auf.
Jacoby schlussfolgert daraus für die Erziehung, dass sie alles daran setzen müsse, die Vorraussetzungen zu schaffen, die für eine ungehinderte Entfaltung jener schöpferischen Kräfte notwendig sind. Dies gelte auch für die Musikerziehung. Die Existenz des Schöpferischen in jedem Menschen bedeutet für Jacoby, dass jeder Mensch grundsätzlich dazu befähigt ist, sich musikalisch auszudrücken. Die sogenannte Unmusikalität, die vielen Menschen zugesprochen wird oder die sie sich selbst bescheinigen, gibt es in Wirklichkeit nicht.
Ich habe in den letzten acht Jahren mit etwa 700 Menschen verschiedener Altersstufen [...] gearbeitet [...] Obgleich sich von diesen etwa 80 Prozent zu den sogenannten Unmusikalischen gerechnet hatten, hat sich eine erfolgreiche Zusammenarbeit nur bei zweien als aussichtslos
herausgestellt, bei denen die Fähigkeit, hohe bzw. tiefe Töne überhaupt wahrzunehmen, durch organische Erkrankung des Gehörapparates gestört war. (Jacoby 1921, S.14)
Dass Menschen als „unmusikalisch“ erscheinen, führt Jacoby darauf zurück, dass man ihnen die Freiheit des Ausdrucks schon in der frühen Kindheit systematisch beschneidet. Jacoby kritisiert das repressive Erziehungskonzept seiner Zeit, das eine „[...] Verschüchterung und Unterdrückung des Ausdrucksbedürfnisses [...] in der Musik oft in noch höherem Maße als auf anderen Ausdrucksgebieten“ bewirke (Jacoby 1924, S.44). Die „[...] Gesellschaft züchtet den gehemmten Menschen als Typus.“ (ebenda) Die Ausdruckshemmung wirkt sich nach Jacobys
Meinung auf dem Gebiet der Musik nur deshalb so nachhaltig aus, weil keine Lebensnotwendigkeit zu musizieren besteht. Nun ist aber die Entfaltung musikalischer Fähigkeiten für Jacoby gleichbedeutend mit der Entfaltung der Persönlichkeit des Menschen oder leistet zumindest zur optimalen Entwicklung seiner Persönlichkeit einen bedeutenden Beitrag. An die (wiedergewonnene) Möglichkeit der musikalischen Äußerung knüpft Jacoby das Vertrauen eines Menschen zu seiner eigenen Äußerungsfähigkeit, die wiederum, so sie sich
entfalten kann, eine große Bedeutung für die Entwicklung des Selbstvertrauens hat.
Wenn wir uns gegenwärtig halten, dass Mangel an Selbstvertrauen vielleicht die häufigste Ursache dafür ist, dass jemand unmusikalisch oder sich dafür hält, so leuchtet ein, dass die Stärkung des Selbstvertrauens, die durch das Erlebnis des Sich-äußern-Könnens entsteht – während man sich bisher für stumm gehalten hat – für das allgemeine Verhalten sehr viel
bedeutet. (Jacoby 1921, S.16)
Stellt sich erst einmal das Problem, dass man es mit einem „musikalisch ‚Gehemmten’“ (Jacoby) zu tun hat, so ist das für Jacoby „[...] eine Frage psychischer wie musik-pädagogischer oder musik-psychologischer Therapie.“ (Jacoby 1921, S.16) Allgemein geht es in der musikalischen Erziehung für Jacoby darum, dem Kind Erfahrungs-Gelegenheiten (Jacoby) zu schaffen. Die
Einwirkung des Erziehers auf das Kind soll sich im Wesentlichen darauf beschränken, denn das oberste Gesetz in der musikpädagogischen Arbeit wie in der allgemeinen Erziehung ist nach Jacoby die Selbsttätigkeit des Menschen (vgl. Jacoby 1921, S.10-11). Die Erziehung, in der „[...] allein das in jedem Menschen latente Schöpferische angesprochen wird.“ (Jacoby 1921, S.10) bezeichnet Jacoby auch als „schöpferische Erziehung“ (ebenda).
Allerdings hat man in der Erziehung nicht danach zu fragen, ob die Äußerungen, die man erleichtern will, bedeutend oder unbedeutend, ob sie für irgendeinen anderen außer dem Sich-Äußernden von Wert sein werden! In der Erziehung hat man sich nicht von schwankenden subjektiven Werturteilen, von von außen kommenden Zwecksetzungen
abhängig zu machen, sondern allein die Voraussetzungen, unter denen die in allen Menschen vorhandenen schöpferischen Fähigkeiten zu möglichst unbehinderter Auswirkung kommen können, zu schaffen. (Jacoby 1921, S.16)
Erziehung – auch die musikalische – muss sich selbst beschränken, statt den Zögling zu beschränken, und zwar auf das Schaffen von Voraussetzungen für eine Entwicklung, statt dass sie auf die Entwicklung einwirken und gar in eine bestimmte Richtung lenken will. Mehr als einmal stellt Jacoby den Vergleich mit dem Erlernen der Muttersprache an. Um deutlich zu machen, was es für die musikalische Erziehung heißen könnte, sich nicht von äußeren Zwecken leiten zu lassen, mag solch ein Vergleich sehr hilfreich sein. So werde beim Spracherwerb
auch nicht Dichtung oder dramatische Rezitation als Ziel gesetzt. Mit Ton, Rhythmus, Linie und Farbe müsse ähnlich verfahren werden. „Es geht bei all dem um elementare, allgemein menschliche Ausdrucksgebiete, auf denen grundsätzlich jeder zu ähnlichen unmittelbaren und selbstverständlichen Äußerungen gelangen könnte wie etwa beim Gebrauch der Muttersprache [...]“ und „Auch bei der Musik müssen wir vermeiden, zuerst an Kunst oder Kunstwerk zu denken [...]“ (Jacoby 1921, S.12).
In seiner Rede über die „Grundlagen einer schöpferischen Musikerziehung“, die Jacoby 1921 in Berlin anlässlich der Kunsttagung des Bundes entschiedener Schulreformer hält, übt er herbe Kritik an der musikpädagogischen Praxis seiner Zeit. Gleich im ersten Satz wendet sich Jacoby gegen die „intellektualistischmechanistisch und wesentlich auf Reproduktion eingestellte Art des
Musikunterrichts“. (Jacoby 1921, S.10) An anderer Stelle hören wir, der Musikunterricht sei nichts anderes „[...] als mehr oder weniger geschickte Abrichtung [...]“ (Jacoby 1921, S.18) und habe für die allgemeine Menschenbildung keine Bedeutung. Damit eine schöpferische Erziehung
überhaupt wirksam werden könne, müsse sich, so Jacoby, die „Auffassung des Wesens der Musik und daraus folgend von den Aufgaben unseres Musiklebens“ (Jacoby 1921, S.11) von Grund auf ändern. Musik als Kunst und der Kunstbetrieb dürften nicht mehr im Vordergrund des Interesses stehen.
Im nächsten Beitrag folgt (3) Kritik durch Martin Buber
Literaturnachweis:
Jacoby, Heinrich (1921) Grundlagen einer schöpferischen Musikerziehung. Rede anlässlich der Kunsttagung des Bundes entschiedener Schulreformer in Berlin am 5. Mai 1921. In: Ludwig, Sophie (Hg.) (1984) Heinrich Jacoby. Jenseits von „Musikalisch“ und „Unmusikalisch“. Die Befreiung der schöpferischen Kräfte
dargestellt am Beispiele der Musik. Hamburg, S. 10-28.
Jacoby, Heinrich (1924) Jenseits von „Musikalisch“ und „Unmusikalisch“. Voraussetzungen und Grundlagen einer lebendigen Musikkultur. Mitgeteilt auf dem II. Kongress für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft in Berlin im Oktober 1924. In: Ludwig, Sophie (Hg.) (1984) Heinrich Jacoby. Jenseits von „Musikalisch“ und „Unmusikalisch“. Die Befreiung der schöpferischen Kräfte dargestellt am Beispiele der Musik. Hamburg, S. 29-74.
Heinrich Jacoby - Die Existenz des Schöpferischen
Die Existenz des Schöpferischen im Kind wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht von Jacoby allein behauptet. Die Kunsterziehungsbewegung hatte die so genannte subjektivistische Potentialitätsanthropologie, der die Idee von den schöpferischen Kräften, von der Selbstmächtigkeit und der Autarkie des Individuums entstammt, in die Zeit der Reformpädagogik des 20. Jahrhunderts hinübergerettet. Jacoby hat, unbeirrt auf dieser anthropologischen Grundannahme aufbauend, seine Gedanken zum musikpädagogischen Umgang mit dem Menschen entwickelt. In seinen Reden auf verschiedenen Tagungen und
Kongressen, die uns schriftlich erhalten sind (Ludwig 1984), hat er seine pädagogische Position eindrücklich beschrieben und begründet. Ich referiere daraus einen kleinen Teil, der mir selbst bedeutsam erschien und vielleicht für die Leserschaft des Blog von Interesse sein mag.
Biographischer Abriss zu Heinrich Jacoby
Heinrich Jacoby (1889-1964) war bis 1940 deutscher Staatsbürger, lebte aber seit 1933 gezwungenermaßen im Exil in der Schweiz und kam 1955 in den Besitz der Schweizer Staatsbürgerschaft. Sein beruflicher Werdegang begann mit der Aufnahme eines Musikstudiums 1907 in Straßburg. Dort war er von 1908 bis 1913 Schüler in der Kompositions- und Dirigentenklasse von Hans Pfitzner und unter der Direktion desselben seit 1909 auch Kapellmeister und Regievolontär am Straßburger Stadttheater. An der Straßburger Universität besuchte er neben seinem Musikstudium auch Vorlesungen über Philosophie und Psychologie.
Letzterer Fakt mag ein Indiz dafür sein, dass Jacobys Interesse an der Musik schon damals über das Bestreben, Musik zu „machen“, hinausging. Weil er die traditionelle Musikerziehung ablehnte, heißt es (vgl. Ludwig 1984, S.101), wurde er 1913 Lehrer für Harmonie- und Formenlehre an der Lehrerbildungsanstalt Jacques Dalcroze in Dresden-Hellerau. Außerdem arbeitete er an der Einstudierung der dortigen Festspiele mit. Ab 1915 leitete Jacoby die
Lehrerbildung an der „Neuen Schule für angewandten Rhythmus“ in Dresden Hellerau. Seinen Weg als Musikerzieher setzte er fort und beschäftigte sich im selben Zuge mit der Zweckmäßigkeit und den Grenzen einer Sinnesschulung und mit den Ursachen der Entstehung von „Unbegabtheit“ (Jacoby) auf dem Gebiet der Musik. Als Leiter der Musikerziehung an der Odenwaldschule von 1919 bis 1922 untersuchte er Störungen der Ausdrucksfähigkeit durch die
Kleinkinderziehung. 1922 bis 1924 half er beim Aufbau einer höheren Versuchsschule in Dresden-Hellerau. Von Dresden ging er 1928 fort nach Berlin, wohin er als Privatgelehrter schon seit einigen Jahren Beziehungen besaß. In Berlin stellte er die Ergebnisse seiner jahrelangen Untersuchungen Lehrern, Ärzten, Heilpädagogen, Psychotherapeuten und ausübenden Künstlern in eigens dafür gegründeten Arbeitsgemeinschaften vor. Die Erfahrungen auf dem Gebiet des musikalischen Ausdrucks übertrug er auf Probleme des Sprechens, der
Stimme, der Sprache, der Bewegung und der bildnerischen Gestaltung. Ihn beschäftigten Untersuchungen über die Bedeutung von Zustand und Verhalten für die Qualität von Wahrnehmungs-, Ausdrucks- und Gestaltungsvorgängen unter ganzheitlichen Voraussetzungen. Die Situation in Deutschland 1933 zwang Jacoby in die Emigration. Jacoby verlor nahe Familienangehörige im Nationalsozialismus; das Exil war lebensrettend. Seine Arbeit jedoch konnte Jacoby auch in der Schweiz nicht ungehindert fortsetzen. Was er bis dahin an
Ideen und Erkenntnissen gesammelt hatte, durfte er nicht veröffentlichen, weder in der Rede noch im Druck. Möglicherweise ist das der Grund für den Mangel an Beachtung, der Heinrich Jacoby in Standardwerken wie Gruhns „Geschichte der Musikerziehung“ (1993) und Ehrenforths „Geschichte der musikalischen Bildung“ (2005) widerfährt.
Im nächsten Blogeintrag folgt (2) Jacobys Konzept einer Musikerziehung
Literaturnachweis:
Ehrenforth, Karl Heinrich (2005) Geschichte der musikalischen Bildung. Mainz.
Gruhn, Wilfried (1993) Geschichte der Musikerziehung. Hofheim.
Ludwig, Sophie (Hg.) (1984) Heinrich Jacoby. Jenseits von „Musikalisch“ und „Unmusikalisch“. Die Befreiung der schöpferischen Kräfte dargestellt am Beispiele der Musik. Hamburg.