Freitag, 19. Juni 2020

Tee im See

Aufzeichnung der Teerunde im Entenkreis aus dem Monat März im vorletzten Jahr mit Blick hinter die Kulissen

Tage, an denen es schwer fällt, den Tisch zu decken, wer will von solchen Tagen wissen. Tage ausgefüllt mit Nichtstun, hinterher fällt es schwer, von solchen Tagen zu erzählen. Wenn sich dann auch noch Tag an Tag reiht, eine Woche Nichtstun, am Sonntag folgt das Event, man trifft sich, die Sonne heizt, man hat zusammen Spaß, am See, mit Enten und wird gefragt,
was machst du so?


Die Mandarinente drei Liegeplätze weiter plustert sich auf.
Sie gehen solche Fragen nichts an.

Darum ist sie mein Experte in der heutigen Teerunde:

In diesem Kreis wird es um Fragen zum Nichtstun gehen, zum Leben. Wie tut man, wie lebt man? Und auch: Wie kann man nichts tun? Wie geht das? Verschiedene Arten Nichtstun. Wenn nichts zu tun zur Vollzeitbeschäftigung wird. Zehn Ratschläge zum Nichtstun. In nur fünf Schritten zum Nichtstun. Wie Sie ganz nebenbei nichts tun können. Nichtstun als Nebenjob. Ein Buch wird vorgestellt, das nie geschrieben worden ist: Vom Nutzen und Unsinn der Untätigkeit. Und die philosophische Ente lässt uns schauen, was aus dem Nichts geboren wird und wie das geht.

Auf die Ente projiziere ich mein Nichtstun. An ihrem Sein im Untäterätigsein will ich lernen. Und so habe ich ich ihre Gesellschaft zu meiner Teegesellschaft erklärt.




"Das Nichtstun zu erforschen, musst du aufhören zu tun!" raten mir die Enten am See. "Du kannst nicht so tun, als ob du nichts tätest. Das Nichtstun will gelebt werden."

Mach nichts! Hör auf! Loslassen ist ein oft gehörtes Wort. Vom Tun lassen.
Lass es!, sage ich mir, lass es lieber sein. Aber schon nach kurzer Zeit scheitere ich und fange wieder von vorne an, darüber nachzudenken, was ich tun muss, um ein vollwertiges Mitglied in einer Gesellschaft zu werden, die nicht nur aus Enten besteht. In meinem Kopf wird es laut. Es schnattert und hört nicht auf.

"Der Anfang von Nichts liegt in dem Moment der Stille. Da findest du ihn. Glaub uns!", sagen die Enten. Sagt eine Ente - die anderen sagen nichts.

Die Ente ist Ente von Beruf. Sie ist nicht mehr und nicht weniger als das und ich will das auch sein, nur als Mensch. Bloß sein.
Das hieße, mir die Blöße zu geben. Das hieße, den anderen zu sagen, hey, schaut her, ich bin da, ich esse, ich trinke, ich scheide aus, ich schlafe und, wer weiß, vielleicht schnarche ich im Schlaf - das kann ich doch nicht wissen. Aber das Schlimmste ist, ich genieße. Ich meine, ich genieße einfach so. Ich besuche keinen Genießenlernenkurs, kein Restaurant und kein Yoga, ich bezahle nichts dafür und schließe mich zum Genießen auch nicht in meiner Wohnung ein.

Ente schwimmt das V
Was Enten tun.

Ich konfrontiere die Enten mit den Konsequenzen ihres Entenseins:

Nichtstun hat negative Folgen. Der Wasserspiegel sinkt. Anwohner sagen, vor dreißig Jahren, vor dem Bau des Wohngebiets, markierten die Bäume die Grenze des Sees. Heute liege die Wasserfläche rund einen Meter tiefer. Dreißig Jahre, in denen Stockenten nichts dagegen taten. Wie Bojen schwimmen sie immerzu auf dem Wasserspiegel und halten mir und allen Menschen vor Augen, wohin es mit dem Wasser geht. Sie mahnen stumm. Aber eigentlich tun sie das nicht.

Leider sinkt auch der Spiegel in unseren Teetassen. Es ist schwer, in den vollen Genuss des Nichtstuns zu kommen. Der Teetrinker leidet keinen Mangel an Wasser. Indem ich Tee trinke stille ich einen anderen Durst in mir. Die Enten kapieren sofort, warum wir nur aus kleinen Tassen trinken und warum wir die Tätigkeit des Trinkens  reduzieren, aufschieben, hinauszögern. Die Kunst besteht darin, die Tasse zu leeren, solange sie heiß ist, und sie dennoch nicht auszutrinken. Wenn die Tasse leer ist, ist das Teetrinken vorbei. Bleibt sie zwar gefüllt, aber wird kalt, fehlt uns die tiefe Befriedigung, die wir beim Teetrinken sonst empfinden.

Hinter den Kulissen
Hinter den Kulissen/Making of:

Jeder, den ich dieser Tage frage, "hast du Zeit auf einen Tee?", erklärt mir, er habe zu tun. Von wichtigen Büroarbeiten bis hin zu unabänderbaren Familienbesuchen haben die Menschen Arbeit, und ganz offiziell stehen auch bei den Enten Hochzeiten und dazu die vielen Brautwerbe an, bei der ein Erpel einer Frau unermüdlich folgt, an ihrer Seite ruht oder still steht, so sie zu ruhen gedenkt. Ich habe die Enten zum Teetrinken abgepasst, als sie noch nichts zu tun hatten. Aktuell brüten sie, sind alle weg vom See, wo es keine Rückzugsmöglichkeit gibt. Ein einziges Stockentenpärchen ist zurückgeblieben, vermutlich weil es keine Eier hat. Die Beiden schnabbeln dort im Uferwasser, wo die Kaulquappen sind.
Die Mandarinente.

Ich hab mal gehört, wie ein Spaziergänger seiner Frau, die auch spazieren ging, eine Ente zeigte, sie hatte das bunte Tier längst erblickt und er sagte, das sei eine Pekingente.
Der Wasserspiegel ist ist in den letzten dreißig Jahren gesunken.
Eine Anekdote, welche die Teerunde zu meiner Überraschung beendet.

An diesem Nachmittag mit den Enten entwickle ich einen Teststreifen, der Tee im See anzeigt. Dieser Test kann nur einen positiven oder einen negativen Befund nachweisen. Ein positives Testergebnis sagt nichts über die Menge an Teewasser im Seewasser aus. Um auch darüber Gewissheit zu erlangen, empfiehlt es sich, das Wasser aus dem See zu kosten.








Montag, 14. Januar 2019

Unheimliche Begegnung

Einmal kam uns genau hier ein großer schwarzer Hund entgegen. Im Maul ein Ball - da wusste ich, der gehört zu dem Mann mit der Kelle. Den hatten wir auch auf unserer Runde getroffen, aber das war schon eine Weile her. So lange her, dass der Hund, als er uns sah, uns noch ein wenig rascher entgegen sprang und sich uns anschloss. Bloß, wir gingen in falscher Richtung. Und weil der Hund mir bis zur Hüfte ging, fürchtete ich mich nicht unerheblich. Besser war es, er würde seinen Ball im Maul behalten. Würde er das? Mit dem Weg gewann ich ihn lieber. Meine Liebe steigerte sich noch bis zum Waldausgang. Dort schloss sich unsere Runde. Und auch die des Mannes mit der Kelle. Der Mann wollte gerade zum Wald raus, da konnten wir ihn durch unser vereintes Rufen gerade noch zu einem Blick in unsere Richtung bewegen. Er pfiff den Hund herbei. Der überlegte erstaunlich lange. Dann trottete er los zu dem Mann, von dem wir nur noch den Rücken sahen.

Mittwoch, 8. August 2018

Spielzeugmuseum

Das Spielzeugmuseum ist eine Oase. Es wird nicht gesprochen und wenn, dann leise, nicht gespielt, nicht gespuckt, auch Schlurfen verbietet sich - die Museumspantoffeln auf dem Marmorboden verführen zum Schlittern, dann heißt es:
F ü ß e  h e b e n . Mit einem Quartsprung von Füße nach unten zu heben, aber bitte nicht singen!

Pass auf auf deinen Tee! Dass du ihn nicht verschüttest.

Der Audioguide führt dich sicher durch die Ausstellung.

In der viele Waffen liegen.

Manches ist harmlos, auch wenn es nicht so aussieht.
Manches sieht harmlos aus.


Du hast deine Kleidung an der Garderobe gelassen, du hörst die Stimme deines virtuellen Führers, du trägst die Pantoffeln an den Füßen, das heißt, es gibt kein Zurück. Du hörst dein Handy aus der Jackentasche rufen? Umkehren ist keine Option. Wenn du immer auf der roten Linie läufst, darfst du deine Arme zu den Seiten ausstrecken und wirst merken, dass du mit deinen kleinen Händchen an deinen viel zu kurzen Ärmchen nichts anfassen kannst.

Auch sind die Museumsräume so gestaltet, dass dich nichts berührt, dass der Museumsbesucher nicht verführt wird, dass es ihn nicht ergreift. Das älteste Ausstellungsstück liegt sicher verwahrt unter Glas auf schwarzem Samt.

Das Spielzeug im Museum ist nicht zum Spielen da.

Einfacher Ball aus Stein. Sicher unter Glas.
Das Spielzeugmuseum beherbergt das Spielzeug, das immer nur andere Kinder haben
und es kann dich den Umgang mit diesem und anderem Spielzeug lehren, ohne dass Anfassen vonnöten ist.

Ein Teil davon ist ausgespielt. Ausgespielt ist der Fachbegriff für zuendegespielt, genugbespielt, uninteressant. Fachbegriffe erklärt dir der Audioguide.
Die ausgespielten Museumsstücke fesseln durch ihre Spielhistorie. Der Audioguide erzählt euch von dem Raub der schönen Barbie Helena auf Track 9. Viele Leute finden das spannend. Die Herkunft der Fingerabdrücke auf dem steinzeitlichen Ball von außerterestrischen Lebensformen gilt als gesichert. Spuren einer Kriminalgeschichte. Das Museum bewahrt sie.

Das Spielzeugmuseum versteht sich als Schutzraum in vielerlei Hinsicht. Auch Spielen gehört in einen gesicherten Bereich. Das Spielzeugmuseum leistet seinen Beitrag und schützt Spielzeug. Die wertvollsten Stücke unserer Dauerausstellung sind mitten im Spielgeschehen geborgen worden, noch bevor sie ihren Reiz durch Ausspielung verloren hatten oder der Überspielung erlagen.
Bei diesen Stücken verbietet sich das Weiterspielen von selbst.

Einige wenige Spielzeuge wurden uns gebracht. Es gibt Spielzeuge, die gehören aus dem Verkehr gezogen, weil man sich oder andere damit verletzen kann. Solche Spielzeuge wurden uns gebracht und hier im Schutz des Museums, gesichert in den Vitrinen, könnt Ihr euch all diese Dinge ansehen.
Das Spielzeugmuseum beherbergt das Spielzeug, das immer nur andere Kinder haben.

Ich bin nicht die Direktorin des Museums. Ich stehe nur hinter euch und passe auf, dass Ihr die rote Linie nicht verlasst. Ab und zu stoße ich einen Zischlaut aus, das darf euch aber nicht erschrecken. Auf einem Schild an meiner Brust steht Security, ich trage sogar eine Dienstmütze. Als Kind habe ich Polizist gespielt, jetzt ist es ein Job. Oft stöpsel ich mir selbst den Audioguide in die Ohren, um die Kinder nicht zu hören, die meine Zischlaute überhören. Mein Lieblingsort ist neben der Vitrine mit dem Bumerang.


ich habe Sehnsucht, mit einem Bumerang zu spielen

Der Geist formt sich am Schönen.

aktuell. Summerhill im Netz

Aktualisierung zu dem Artikel Summerhill im Netz

seit 1921. Das klingt nach Tradition. Den Bildband "Schüler in Summerhill" von Joshua Popenoe gibt es nur noch im Antiquariat. Aber Summerhill ist alles andere als eine Konservendose.

Neu im Netz ist die Arbeit von Marie-Therese Hattendorf, zu finden auf http://www.matheha.net/DemEd/ , dort dem Link "Bachelorarbeit" folgen und dann nocheinmal dem Link folgen, der den Begriff Bachelorarbeit im Namen trägt. Der Direktlink ist:
http://www.matheha.net/DemEd/Bachelorarbeit/Bachelorarbeit_754254_Hattendorf.pdf

Literatur:

Hattendorf, Marie-Therese (2017) Das Selbstverständnis Demokratischer Schulen der aktuellen Democratic-Education-Bewegung. Universität Potsdam.
zu finden auf www.matheha.net (Stand 08.08.2018)

Popenoe, Joshua (1971) Schüler in Summerhill. Hamburg.
Originalausgabe (1970) Inside Summerhill. New York.

Dienstag, 7. August 2018

Keine Angst vorm Justizkomitee

Vor ein paar Jahren habe ich mal getitelt: "Strafen in der Pädagogik Neills" und  zur "Rechtssprechung an Demokratischen Schulen" äußerst wenig Worte gefunden und stattdessen auf einen Artikel von Henning Graner in der Zeitschrift UNERZOGEN verwiesen. Weil mir das Gerichthalten suspekt war, weil ich aber nicht urteilen wollte, sondern weiter forschen. Das Forschen, das Beobachten, das habe ich nun lange getan und nichts von mir verlauten lassen. Als mich dann vorgestern jemand in seine Überlegungen einbezog, an einer Demokratischen Schule könne man auf ein Justizkomitee verzichten und solle sich darauf verlegen, Konflikte empathisch zu begleiten und Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg zu etablieren, hatte ich plötzlich ganz viel zu sagen.

Ein Rechtssystem wird assoziert mit einer Autorität, die Recht spricht. Es gilt, Schuld zu beweisen, zu widerlegen. Schuld und Strafe werden gegneinander abgewogen. Ein Urteil wird gefällt.
Schuld und Sühne.

Demokratische Schulen organisieren sich in verschiedener Weise. So  kann auch das Rechtssystem von Schule zu Schule verschieden sein. Ich möchte ein Beispiel für ein Rechtssystem an einer Demokratischen Schule in Berlin geben.

Zweimal im Schuljahr wählen alle Schüler und alle Mitarbeiter dieser Schule die Mitglieder für ein "Richterkomitee". Für das Richteramt können sich sowohl Schüler als auch Mitarbeiter bewerben.

Die gewählten Richter teilen unter sich die Arbeit des Schulgerichts auf. Das Gericht tagt an vier Tagen in der Schulwoche zu fest bestimmten Zeiten. An jedem der Tage arbeiten mindestens zwei Richter im Team, in der Regel ein Mitarbeiter und mindestens ein Schüler. Es gibt so viele gewählte Richter, dass an jedem Gerichtstag der Woche ein anderes Richterteam arbeiten kann. Einmal in der Woche kommen alle Richter zusammen, um miteinander zu sprechen. Sie legen auf dem Richtertreffen einander die bearbeiteten Fälle vor und bilden die zweite Instanz für Berufungsfälle.

Das Gericht verhandelt die bei ihm angemeldeten Fälle in erster Instanz. Ist jemand mit dem Ausgang einer Verhandlung nicht einverstanden, gelangt der Fall vor das Richtertreffen (erste Berufung). Dort wird erneut eine Lösung gesucht. Bei einer zweiten Berufung landet der Fall vor der Schulversammlung. Das heißt, er wird allen Schülern und Mitarbeitern in der wöchentlich stattfindenden Schulversammlung erörtert, alle Anwesenden können sich miteinander darüber austauschen, Lösungen vorschlagen und am Ende über die Vorschläge abstimmen.

In meinen Augen spricht viel für die Etablierung eines solchen Rechtssprechungssystems.

Im Konfliktfall wünschen sich die Beteiligten unvoreingenommene Hilfe, dazu Durchsetzungsvermögen, Unabhängigkeit der Helfer, die Wahrnehmung und eine Auseinandersetzung mit ihrer Sicht der Dinge. Das Rechtssystem verhilft dazu:

1. Es gibt klare Regeln, wie in einem Konfliktfall vorgegangen werden kann. Die Regeln sind für alle einsichtig, sie sind für alle gleich und verbindlich, Mitarbeiter und Schüler können sich daran halten. Die Regeln sind nicht unveränderbar, denn sie können vor der Schulversammlung im demokratischen Prozess ausgehandelt werden. Das Procedere im Konfliktfall folgt den Regeln und unterliegt nicht der Willkür.

2. Die Schulgemeinschaft gibt sich nach Bedarf Regeln, modifiziert bestehende Regeln, schafft Regeln ab und beschließt neue. Über das Rechtssystem kann auf die Einhaltung der Regeln bestanden werden. Ebenso können aber auch Dinge zur Sprache gelangen, die bislang noch in keiner Regel berücksichtigt worden sind bzw. für die vorher noch keine Aufmerksamkeit da gewesen ist.

3. Mit dem Rechtssystem gibt es eine Instanz, die beurteilt, ob Regeln verletzt wurden. Diese Instanz ist derart geschaffen, dass sie weitgehend unvoreingenommen urteilen kann. Bzw. kann die Unvoreingenommenheit einer Instanzebene angezweifelt und der Rechtsstreit einer höheren Instanz vorgelegt werden.

4. Das Rechtssystem fördert eine gründliche Auseinandersetzung in Konfliktfällen. Die Beteiligten eines Konflikts sitzen sich als Gleichberechtigte gegenüber und können sprechen. Zeugen werden gehört. Das ermöglicht ein zur Sprache bringen, es ermöglicht Einsicht und ist Voraussetzung für die Ausbildung differenzierter Sichtweisen.

Selbstverständlich kann ein Streit sich auch ohne Gerichtsverhandlung beilegen lassen. Es gilt in der Schule, in die ich Einblick hatte, in jedem Fall als legitim, das Rechtssystem der Schule zu Hilfe zu nehmen, um eine Sache zu klären. Gericht zu halten, heißt also nicht, dass etwas ganz schwerwiegendes vorgefallen sein muss. Das Rechtssystem stellt eine Hilfe dar, die jeder nach eigenem Ermessen nutzen kann.
Das Gericht wird nicht abgehalten, um über jemanden moralisch zu urteilen, jemanden zu stigmatisieren oder ähnliches. Die Mitarbeiter tragen Verantwortung für ein Klima der Fairness in der Schule, für ein Klima, das jedem ermöglicht und jeden einlädt, sich frei zu äußern, und dafür, Anlaufpunkte denen zu bieten, die sich eher leise oder versteckt äußern.

Das Rechtssystem steht nicht für sich allein. Da gibt es die wöchentliche Schulversammlung, in der alle Schulmitglieder gleichermaßen stimmberechtigt sind. Es gibt die Möglichkeit, eine Notschulversammlung einzuberufen - jeder Schüler, jeder Mitarbeiter kann das veranlassen. Mitarbeiter können einmal im Jahr auf der MitarbeiterInnenwahl von den Schülern gewählt/bestätigt und abgewählt werden. Jeder Schüler, jede Schülerin kann sich aus den Mitarbeitern zwei Menschen seines/ihres Vertrauens aussuchen, die dann eine besondere Verantwortung als Begleiter, Berater und Ansprechpartner für den Schüler/die Schülerin tragen.

Das Rechtssystem wird von seinen Menschen getragen und es ist ein Mittel und kein Selbstzweck. Alles spricht dafür, dass Erwachsene ihre empathischen Fähigkeiten bilden und dass sie ihr Bewusstsein schärfen für ihre eigene Wortwahl und für ihre eigene Sprache. Vieles spricht dafür, ein System zu etablieren, das den Mitgliedern der Gemeinschaft hilft, ihre Rechte wahrzunehmen, das hilft, strittige Angelegenheiten miteinander zu klären und die Obliegenheit dafür nicht dem Zufall überlässt. Dem Zufall, welcher Erwachsene sich der Sache annimmt, in welcher Laune und so weiter. Die Lösung eines Konflikts wird in dem beschriebenen Rechssystem bei Bedarf auf die gesamte Schulgemeinschaft verteilt. Niemand kann sich ungebeten und unangezweifelt dazu erheben, Recht zu sprechen.

Dienstag, 10. Oktober 2017

kleine geschichte

Es war einmal ein Kind, das fragte einen Mann, an wen es sich wenden könne.
Ich bin der Richtige, sagte der Mann und fragte das Kind, was es von ihm wissen wolle.
Das Kind wollte nichts wissen. Es wollte an ein Buch, das ganz oben, unter der Decke im Regal stand. Bis da hinauf reichte das Kind selbst mit einem Stuhl nicht. Der Mann schaute hoch, auch er musste den Kopf in den Nacken legen, um bis hinauf zu sehen, und las den Titel auf dem Buchrücken.
Das Buch, meinte er, solle besser ganz oben stehen bleiben. Es sei für Kinder nicht geeignet. Morgen könne man ja mal in eine Bibliothek gehen und Kinderbücher aussuchen.
Das Kind wusste nun, dass es den Falschen angesprochen hatte.  Es wurde ausgesprochen wütend.
So gefällst du mir nicht, sagte der Mann, und das Kind dachte, dass er das sagen musste, weil die Erwachsenen, die es kannte, nun mal so waren. Je näher sie dem Kind standen, desto weniger konnten sie seine Wut dulden. Das Kind schluckte den Teil der Wut, den es noch nicht veräußert hatte, hinunter.
Am nächsten Tag konnte es nicht mitgehen in die Bibliothek mit den Büchern für Kinder. Es hatte Halsschmerzen und lag mit heißem Kopf im Bett. Der Mann brachte dann dem Kind ein schönes Buch mit, das er genau richtig für das Kind in seiner Lage hielt. Es war ein Buch über ein krankes Kind, das auch das Bett hüten musste.

Mittwoch, 31. Mai 2017

Nachbars Katze

Beim Spaziergang sieht uns die Nachtbarkatze. Tagsüber ist sie eine gewöhnliche EKH*. Nachts steht sie vor und hinter dem Tresen. Hinter dem Tresen verdient sie das Geld fürs Freigetränk. Sie zahlt eins und bekommt zwei. Das zweite trinkt sie selber und das erste spendiert sie einem Kater. Ehrgeizige Kater sind ihrerseits spendabel und lassen ein paar Mäuse springen. Sie zeigt allen einen Vogel, der besonders tief fliegt, und geht fort vom Ort mit der wilden Musik auf Mäusejagd. Kommt sie wieder, dann nur um zu zeigen, was sie im Mund mit sich führt. Kurz mischt sich das Fiepen des Opfers mit der wilden Musik, jeder tanzt, der das hört. Bei Tag springen wir über unsere Schatten, die Katze und der Kater, ich und die Nachbarin. Sie schaut aus gelben Augen, er sieht sie mit blauen. Dann trennen sich unsere Wege, ich geh mit dem Kater die Treppen rauf und sie in den Nachbargarten.
*europäisch Kurzhaar






Dienstag, 16. Mai 2017

Unvollständige Liste Demokratischer Schulen in Deutschland


Die Liste ist in Arbeit.
Bitte schreibt mir, wenn Ihr eine Demokratische Schule in Deutschland kennt, die noch in der Liste fehlt.

Auf den Seiten der EUDEC (European Democratic Education Community) findet man alle Schulen, die Mitglied der EUDEC sind unter folgendem Link: https://www.eudec.org/Member+Schools Ich habe dort 17 deutsche Schulen gezählt (Stand 17.10.2017). Die Mitgliedschaft in der EUDEC sagt nichts über die demokratischen Strukturen der jeweiligen Schule aus.

Der Bundesverband der Freien Alternativschulen e.V. (BFAS) hat ein Adressverzeichnis aller im BFAS organisierten Freien Schulen: http://www.freie-alternativschulen.de/index.php/startseite/adressen/schulen

Berlin

Demokratische Schule X

http://www.demokratische-schule-x.de/

Netzwerk-Schule

http://schule.netzwerkspielkultur.de/

Ting-Schule


Düsseldorf

Demokratische Schule Düsseldorf

in Gründung

Freiburg

Kapriole | Freie demokratische Schule

Hamburg

Neue Schule Hamburg

INFINITA

Leipzig

Freie Schule Leipzig

http://www.freie-schule-leipzig.de/die-schule/

Stuttgart

PIEKS

Samstag, 25. Februar 2017

Nachfrage beim Radio

Gastbeitrag

Nachfrage vom 25.02.2017 beim Deutschlandfunk, betreffs 

Sehr geehrte Damen und Herren,

"Israel gibt Menschenrechtler kein Visum" sagen Sie. Später  heißt es: "Die israelische Regierung wirft Human Rights Watch vor, Propaganda für die Palästinenser zu betreiben."

Nun, dieser Vorwurf ist zutreffend! Hätten Sie das nicht recherchieren können? Immerhin zahlt jeder Haushalt hier eine Menge Geld "pauschal" jeden Monat, damit Sie seriösen Journalismus machen. Ihr Bericht kommt stattdessen selbst wie antiisraelische Propaganda rüber: 
Das Opfer bzw. der Gute ist von vornherein der Vertreter der "Menschenrechtsorganisation". Der Böse ist der "Jude unter den Staaten": Israel.

Der Gute, der HRW-Regionaldirektor, der als "Menschenrechtler" per se natürlich superglaubwürdig ist, sagt, "mit der Ablehnung stelle sich Israel in eine Reihe mit repressiven Staaten wie Nordkorea, Iran oder Sudan."
Ja, sowas sagt der Mann also. Und? Was sagt der DLF? Nichts mehr, er beendet seinen Beitrag damit. 

Wo bleibt da die professionelle Distanz und journalistische Ausgewogenheit? Die Argumente beider Seiten gründlich prüfen und so? Warum fangen Sie nicht spätestens bei solchen Worten an, stutzig zu werden: Kann man einen Mann, der sowas sagt, überhaupt ernst nehmen? Vielleicht, wenn er inzwischen die Zeit genutzt hat, sich von dieser Aussage zu distanzieren, sie mit der spontanen Erregung zu rechtfertigen...(Auch dann bliebe noch fragwürdig, wie es da aus ihm sprach...)
Liegen Ihnen dazu aktuelle Erkenntnisse vor?

Mit freundlichen Grüßen,
F. L. 

* * *

Antwort des Deutschlandfunks vom 9.3.2017:

Sehr geehrter Herr Lebowski,

über den Hörerservice hat mich Ihre Kritik an unserer Meldung vom 24.2. erreicht. Unter dem Titel „Israel gibt Menschenrechtler kein Visum“ haben wir über die Entscheidung der israelischen Behörden berichtet, einem leitenden Mitarbeiter der Organisation „Human Rights Watch“ kein Arbeitsvisum zu erteilen.

Ihren Vorwurf der nicht ausgewogenen Berichterstattung nehmen wir sehr ernst. Deshalb sind wir Ihnen für Ihre E-Mail dankbar. Im vorliegenden Fall kann ich allerdings keine Unausgewogenheit erkennen. Ausgangspunkt der Meldung ist ein von beiden Seiten nicht bestrittener, faktischer Vorgang: Die Verweigerung des Visums.

Die Meldung stellt dann die Argumente beider Seiten gegenüber: Israel wirft HRW vor, Propaganda zu betreiben. HRW wirft Israel vor, sich repressiv zu verhalten. Zu beiden Vorwürfen gäbe es noch viel zu sagen, aber beim besten Willen nicht in einer nachrichtlichen Meldung von zehn Zeilen Länge.

Dass in dieser Geschichte „Gute“ gegen „Böse“ stehe, wie Sie schreiben, kann ich aus unserer Nachrichtenmeldung nicht herauslesen. Diese Deutung legt der Text jedenfalls nicht nahe.

Haben Sie dennoch Dank für Ihre Anmerkungen und Ihr aufmerksames Hören.

Mit freundlichen Grüßen aus der Redaktion
Rita Vock
Deutschlandfunk
Zentrale Nachrichten

* * *

Meine Antwort auf die Antwort, ebenfalls vom 9.3.2017:

Sehr geehrte Frau Vock,

könnten Sie mir bitte den Wortlaut der Sendung schicken? Leider lässt sich die Nachricht über den Link nicht mehr aufrufen.
Dann könnte ich versuchen, deutlicher zu machen, was ich an dem Aufbau der Nachricht problematisch finde.
Es hat u.a. mit dem Aufbau zu tun: Wer ist handelndes Subjekt? Wie wird eingeführt ins Thema? Wie und womit klingt es aus?
Und: Konnte der DLF inzwischen erfahren, wie der HRW-Redionaldirektor inzwischen über seine Äußerungen denkt?
Und: Würden Sie ihn weiterhin als Menschenrechtler bezeichnen, also ohne Anführungsstriche?


Mit freundlichen Grüßen

* * *

Daraufhin kam leider bis heute leider keine Antwort mehr.

Donnerstag, 1. September 2016

Eine Geschichte für ein Kind (1999)

[Die Pinguine begegnen uns überall. Darum ist es nicht falsch oder gar fantastisch, wenn ich meinem Kind von ihnen erzähle. Sie hocken im Süden auf ihren Eisschollen und sticken auf Socken und Mützen ein Ebenbild von sich.
Und dann werde ich gefragt: "Is 'n das???]

Die Pinguine wohnen ganz weit am Meer. Da ist ganz viel Wasser und lauter Schnee. Weißer Schnee. Die Pinguine kennen nur Schnee. Ganz kalten Schnee. Wenn die Pinguine frieren, dann kuscheln sie sich dicht aneinander. Die großen Pinguine nehmen die kleinen Pinguine unter ihre Federn und wärmen sie. Das machen sie auch bei großem Sturm. Schneesturm. "Schuhfuh!" Morgen scheint wieder die Sonne. Dann baden die Pinguine. Sie springen aus dem Schnee direkt ins Meer. Sie schwimmen auf dem Rücken. Oder auf dem Bauch. Dann kitzelt sie ein Fisch - die Pinguine lachen. Sie mögen die Fische. Ganz oft stecken sie ihre Köpfe in das Wasser und sagen den Fischen "Guten Tag!" Die Fische kitzeln und die Pinguine sagen "Guten Tag!" Dann sind die Pinguine müde vom Baden und verkriechen sich wieder beieinander im Schnee. Sie haben wirklich noch nie einen Baum gesehen!

Freitag, 20. Mai 2016

Nicht süß


In der Schweiz soll es Berge geben, von denen aus man das Meer sehen kann. und riechen und sogar schmecken. Bei einer Sturmflut können die Menschen auf solch einem Berg sich zurückziehen in eine Berghütte. Das Wasser ficht sie nicht. Und doch weiß der eine oder die andere von Gischttropfen zu sagen, von Wasser, das von unten herauf gespritzt sei, und es wäre versalzen gewesen.

geschwommen, gekullert, gespielt
Wo ich wohne, gibt es einen See, zu dem ich einen halben Berg hinaufsteigen muss. Aber die Vögel, die müssen hinab durch ein Loch im Wald. Gegen Morgen finden auch Graureiher und Kraniche hinein und beim Hinausfliegen drehen sie Runde um Runde, bis ein Wind unter ihren Körper schlüpft und sie über den Rand zieht hinüber zum tiefen Land.
geträumt
Aus der Büchse der Pandora entwich zuletzt die Hoffnung, hörte ich erzählen. Ebenso wie ich hörte, sie sei auf dem Boden des Gefäßes zurückgeblieben, der Deckel war schon wieder zu. Ich kann mir aussuchen, wie ich die Geschichte enden lassen will.

Bei meiner Oma sitzt bei Tag eine Puppe in Schwarzwälder Tracht auf der Mitte des Bettes und auf einem Möbel, halb Tisch und halb Schränkchen, im selben Raum steht eine Zuckerdose. Auf weißer Klöppelspitze. Mit der Puppe darf ich nicht spielen und in der Zuckerdose mögen Süßigkeiten sein. Ich weiß, wie das riecht, wenn sich die Dose öffnet. Der Deckel sitzt ziemlich fest, doch es braucht weniger Kraft als Geschick, ihn zu lüften. Es braucht eine größere Hand als meine. Ich weiß, wie es duften wird. Niemals öffnet meine Oma die Zuckerdose. Meine Hand wächst noch, aber sollte ich dann?
Ich kenne meine Oma nicht wirklich, werden die Leute sagen. Wenn ich Oma nach der Puppe frage, lenkt sie mich ab mit einem Lied. Das hat eine einfache Melodie, die pendelt nur zwischen zwei Tönen. Auf die Dose zeige ich nicht und wir reden auch nicht darüber. Es ist fast, als gäbe es die Zuckerdose gar nicht. Aber ihre Gestalt ist unverkennbar und ihr Zweck damit auch.
Kann sich jemand vorstellen, wie Dinge größer werden, über die kein Wort verloren werden darf, auf die sich kein Finger richten soll.
Nicht süß, denkt es in mir, nicht süß.

Sonntag, 10. April 2016

Gefunden



Sie sind einander bereits bekannt oder erkennen sich das erste Mal im Leben in dieser Saison. Sie treffen sich zum Eis oder zu Eicheln, zum Schwimmen oder zum gemeinsamen Schreiten. Paare in meiner Nachbarschaft.




Samstag, 20. Februar 2016

Bloß im Wald

Ist es wirklich nötig gewesen, für die paar Tage im Jahr das Laubkleid auszuziehen? Überlegt Ihr es euch im nächsten Jahr anders? Oder wollt Ihr immer so weitermachen. Rituale helfen manchmal. Kann sein. Und. Achso, Ihr müsst euch umziehen. Genauso ist es. Es geht nicht nur darum, sich zu entblättern. Und nackt rumzustehen. Da kommt was Neues. Die Saison. Hellgrün ist angesagt. Neu macht der Mai. Ich weiß das zu schätzen. Obwohl ich das Hellgrün nicht mag. Zu grell, finde ich. Neon. Da gefällt mir fast wieder das Nackte. Bleibt so. Bleibt kurz so stehen, ich will euch fotografieren. Ein Gruppenfoto. Für meine Erinnerungen, damit ich weiß, wie Ihr einmal wart. Die Kiefern sind jetzt auch im Bild, naja, macht nichts. Ihr seid oben nicht kahl, das weiß ich. Aber untenrum schon. Ich liebe euch. Ihr seid gute Bäume alle miteinander. Wenn ich mich jetzt umdrehe, dann weiß ich euch geschlossen hinter mir.
Was gelingt es mir, Bäume um mich zu versammeln. Die rauschen können. immerhin.

Ihr Bäume habt Zeit. Habt Zeit zu wachsen und groß zu werden. Der Kleiderwechsel wiegt mich selig in meiner eigenen Zeit. Ich denke, ein Jahr sei vier Zeiten lang, allein schon der Winter sei lang und hart. Aber für euch Bäume ist es nur ein Augenblick des Umkleidens. Rückzug des Lebenssaftes aus dem alten Kleid, Innehalten und Besinnung,
Weiterwachsen.

Ihr seid eure eigenen Baumeister.

Mir sollte schwindlig werden, an euch hinauf zuschauen. Auf Augenhöhe bin ich mit dem Stamm. Er ist mein Gegenüber, wenn ich mit euch rede. Als wäre das nicht genug, mich von euch zu überzeugen, Über mir ein Rauschen. Unter mir ein Wurzelreich. Eures. Nie setzt Ihr die Krone ab. Schwindeln sollte mir, in euer tiefes Reich abzugleiten, zu fallen, einzugehen.

Ich habe das Gespräch mit euch gesucht. Verzeiht, wenn ich es falsch angefangen habe. Ich wollte euch nicht in eurer Kammer stören. Die neuen Kleider liegen bereit. Gewiss. Doch in mir tobt die Ungeduld. Macht schnell! Seid vorsichtig! Die eisigen Nächte, die kommen könnten. Die Kraniche sind dieses Jahr früher als sonst.
Kehrt mir bitte nicht den Rücken zu. Lasst mich nicht im Wald stehen. Ich weiß doch auch nicht weiter!
Wieviel Seiten ein Baum hat?
Wenn ich die Antwort weiß, darf ich wiederkommen?
Machts gut! Und seid bitte vorsichtig dieses Jahr. Es fühlt sich anders an als andere Jahre. Ich kann nicht einfach ein Bild von ein paar schönen Bäumen in die Welt setzen, nicht einfach so.


Montag, 1. Februar 2016

Einzug

31. Januar 2016 über Potsdam Bergholz-Rehbrücke

Samstag, 26. Dezember 2015

Suche

Als ich im Februar vor zwei Jahren mit einer Schachtel durch den Wald ging, war ich nicht allein. Nein, ich rede nicht mit Schachteln und niemand, den ich kenne, passt in eine Schachtel von so geringer Größe. Eine Streichholzschachtel, die an jenem Tage nicht zum ersten Mal einem anderen Zweck diente als dem, Streichhölzer aufzubewahren. Sie war meine Kamera.
Der Tag hatte mehr Blau als die Tage davor und mehr als ein Weiß und Flecken auf der Oberfläche1. Ich stellte die Schachtel auf erhabene Stellen im Waldboden.
Sie trug eine schwarze Ummantelung und hatte ein Loch, das sollte ihr Auge sein. Die Schachtel konnte  nichts sehen. Da gibt es keinen Unterschied zu einem gewöhnlichen Streichholzschächtelchen. Ich ließ Bilder entstehen auf einem Filmstreifen, der innen auf der Rückwand der Schachtel lag. Ich ließ Licht durch das Loch. Das dauerte Sekunden. Großes Kino in einem Schächtelchen. Sein dunkler Raum wird in diesen Sekunden um ein Vielfaches weiter, was da alles reinpasst! Dennoch hielt ich es nicht für möglich, dass mehr in der Schachtel sein könnte, als ein Filmstreifen und wenige Kubikzentimeter Luft.

Solche Luft, die wir atmen, die atmete Glubschi auch.

Er öffnete die Augen mit Mühe.
Sie tränten und die Wimpern klebten.
"Deine Guckerchen,"
pflegte seine Mutter ihn zu wecken, "nun bring sie schon auf."
Jetzt half ihm niemand und das erste Licht, was durch den Spalt zwischen seine Lider drang, zwang ihn sogar, die Guckerchen wieder zu schließen.

Glubschaugen.

Das waren die Hänseleien auf dem Schulhof.

Mit Willen brachte er sie auf, der Schmodder zog Fäden, die es zerriss. Sonne brach sich in den Schmodderfetzen!
Sonne,
das hatte er schon begriffen.
Glubschi blinzelte absichtlich, um die Farben länger betrachten zu können. Regenbogen flogen solange, bis seine Augen trocken waren.



Dann sah er die Welt
unscharf, weit und nah.

Das Nahe war etwas zu weit entfernt, wenn er es anfassen wollte, und das Weite so nah, dass er hineinzufallen drohte.


Ich brachte Glubschi weit in der Welt herum. So kam sie ihm mit einem Disch entgegen und mit einem Wusch flog sie hinter ihm weg. Ohne anzustoßen.
Gab es ein Hinter ihm? Das wusste er, auch wenn ich die Schachtel drehte, nicht.
Immer blieb etwas in seinem Rücken oder nichts.
Wenn ich gewusst hätte, wie still er hielt und versuchte, nicht zu atmen, um herauszufinden, was im Rücken lauerte, wie es ihn zum Luftholen nötigte. Es - das Nichts, das ihn im Luftanhalten zusammenzieht, der Augenblick, bei dem es nicht bleibt. Die Luft war eisig.


Auf fast allen Bildern hält Glubschi sich zwei Augen zu. Er hat nur zwei Hände. Mit den anderen Augen schmult er, ob die Welt, in der er aufgewacht ist, immer noch da ist. Hinter den Augen, die nichts sehen, denkt es. Glubsch versucht sich zu erinnern, an welchem anderen Ort er eingeschlafen war.

Ich habe meine Bilder von jenem Tag erst Wochen später auf Papier betrachten können. Mit der Filmentwicklung war ich säumig. Darum ist mir Glubschi entgangen.

Bis zum Betrachten der Bilder, hatte ich noch nie von Glubschi gehört. Nicht im Entferntesten. Und ich hörte auch nie wieder von ihm. Allein die Bilder waren es, die mich auf seine Anwesenheit stießen. Das Wunder jenes Tages hatte ich durch das winzige Loch in meiner Schachtel einlassen wollen, die Februarluft, das Licht, das den Reif auf Laub und Zweigen antastete und übers Eis schlitterte.
Auf den Bildern spürte ich seine Anwesenheit.
Ganz klar, suchte ich zuerst auf den Bildern nach Glubschi. Und natürlich fand ich ihn nicht. Denn die Bilder  - das waren gar nicht meine Bilder, die ich gemacht hatte, das waren seine Bilder, Glubschis, die er gesehen hatte mit seinen komischen Augen.

Ich mache mir keine Vorwürfe wegen vor zwei Jahren, ich sage auch nicht, hätte ich doch ..., hätte ich doch nur zu der Schachtel gesprochen. Er hätte sich gemeint gefühlt und wäre ... Ich rede bis heute nicht mit Schachteln. Vielleicht auch deswegen.


1 Flecken auf der Oberfläche, die mich an Außerirdische denken ließen.


Donnerstag, 3. Dezember 2015

Schnipsel



Dieses Bild könnte

Erste Schritte auf Gimp

oder

Eine ganz schlechte Fälschung, um zu beweisen, wer angefangen hat

oder

Der Mond ist aufgegangen, die Bäume malen Krikelkrakel

heißen.

Freitag, 20. November 2015

Fenster meiner Kindheit

Buchvorstellung: Heide Braasch (2015) Fenster meiner Kindheit. in Lyrik und Prosa. Leipzig

Als Kind habe ich mich im Geschichtenschreiben versucht und in der Jugendzeit war das Gedichteschreiben allabendlich ein Ventil. Ich hab Gefühlen Luft gemacht und meinen Träumen Raum gegeben. Es sind keine Werke daraus entstanden, nichts was eingerahmt gehört, es wäre auch falsch einen Maßstab an meine Zeilen zu legen, der nicht mein eigener ist. Für mich sind meine Gedichte und Geschichten Schnappschüsse, Momentaufnahmen, Langzeitbelichtungen - ich lese heute ein Gedicht von damals und es ist, als sähe ich mich auf einem Foto wieder. Als Zehnjährige, als Sechzehnjährige - . Das Gedicht bezeugt, dass es mich gab, bezeugt mein Erleben, meinen Blick in die Welt. Was in mir vorging, mein Wollen und Fühlen in jener Zeit. Das Gedicht oder der Prosa-Text ist Beweis meiner Lebenskraft. Und während mir bei alten Fotos, die ein Anderer von mir gemacht hat, oft der Kontext abhanden gekommen ist, ist er bei den eigenen Texten und Gedichten fast sofort da. Wie es Zeile für Zeile in mir dämmert, was damals zum Zeitpunkt des Schreibens für mich, mit mir war - das ist spannend.

Das Zauberhafte für mich an dem Buch von Heide Braasch ist, dass beim bloßem Hineinlesen jene Dämmerung in mir anhob. Ich sah die Bilder meiner eigenen Kindheit. Ich spürte eine Verbindung zwischen den Worten eines fremden Kindes und mir.

Verse, Reime, Gedichte, Geschichten, Fragmente von Geschichten unzensiert aus dem Sammelsurium an vollgeschriebenen Heften, Büchern, Schreibblöcken und Zetteln in ein Buch übernommen, Gedichtetes und Erdachtes aus zwölf Lebensjahren, von der Zeit an, als die Autorin des Schreibens mächtig wurde, bis zu dem Tag ihres Auszugs aus dem Elternhaus. Ich lese es mir und ich les es meinen Kindern vor. Sie sind fasziniert und das hat mich erstaunt und gefreut. Es macht solchen Spaß, mit einem von ihnen in den Seiten zu blättern. Ihnen sagen die Gedichte was, eins der Kinder spinnt die Geschichte weiter, ein anderes wird an die eigenen Geschichten erinnert, die es selbst vor Jahren erzählt hat.

Mit den Gedichten und Geschichten ist es wie mit Kinderzeichnungen. Ein Erwachsener kann das nur nachmachen, aber dann siehst du, dass es nur so ist, als ob. Als ob es ein Kind gemalt hätte. Heide Braschs Aufzeichnungen sind echte Kinderzeichnungen in diesem Sinn. Wo sie einfach und konkret sind, sind sie doch nie vereinfacht. Sie wirken nicht künstlich und auch da ungekünstelt, wo die Autorin einen Stil führt. Das Buch macht mit der chronologischen Ordnung der Texte und mit der Einteilung in Abschnitte nach dem Lebensalter der Autorin deutlich, dass es sich um Texte eines Kindes oder einer Jugendlichen handelt. Die Altersangabe ist beim Lesen im Hinterkopf. Für mich spielt das eine Rolle. Für Andere vielleicht nicht und das wäre für mich interessant zu erfahren.

Schreiben und Dichten im Spiel, - als Spiel, - spielend. Diese Assoziation hängt sich bei mir an das junge Alter. Andere in meinem Alter spielen selbstverständlich im Schreiben. Und mir zeigt Heide Brasch, indem sie mit ihrer Veröffentlichung meine Jugenderfahrungen mit dem Schreiben berührt, wenn du schreiben willst, dann tu es, drück dich aus, schreib, was dir von Belang ist zu schreiben, mach einfach, fang an.


Mittwoch, 18. November 2015

Sammelleiden


Sammeln geht verschieden. Je nachdem.

Romanvorstellung Vorstellung einer Kurzgeschichte

Achtung Spoiler

In dem Buch mit dem Titel Sammelleiden geht es um ein fiktives Eichhörnchen, dessen Wege sich abseits der Kiefernäste immer wieder mit denen der Menschen kreuzen. "Der Tag, an dem das Eichörnchen von der Kiefer an die Hauswand sprang [...]" - mit diesem Tag beginnt die unglaubliche Geschichte. Mit einem Satz katapultiert sich ein Eichhorn in die Zivilisation. Es überwindet seine Natur, seine zitterige Eichhörnchenangst, seine Eichhörnchenzitterkrankheit und steigt ins Fenster.

Der Mensch erliegt dem Sammler. Das ahnt der Leser von Anfang an. Als das Eichhörnchen seinen Menschen zum Pilzesammeln in den Wald schickt, habe ich es mir gedacht. Wie das Eichhörnchen sein Zimmer bezieht, verschwinden sämtliche Nüsse in der Wohnung. Zuerst. Dann sammeln sich Glasflaschen, die ohne Pfand. Die sammeln sich ganz von allein an, immer mehr, je länger das Eichhörnchen bleibt. Es übernimmt die Briefmarkensammlung des Gastgebers und betrachtet die Sammeltassen in der Schrankwand mit Interesse. Konsummarken, Pfandgläser und Altpapier - ein Teil davon dürfte der Vergangenheit angehören, in der diese ausgedachte Geschichte spielt. Der Mensch wird ein zweites Mal aus der Wohnung geschickt, hinaus in die Natur. Dort in seiner Verzweiflung fängt er das Dichten an und singt sich hinweg, dem Blues zugeneigt, improvisiert.

Wir haben seine geflickschusterten Eindrücke, die der Mensch in der Natur zu sammeln, viel Zeit gehabt hatte, unten abgedruckt. Bei der Übersetzung sind die Reime, die es rudimentär gegeben hatte, verloren gegangen. Der Inhalt zählt vor allem.



Kastanien. Aber sie glänzen nicht lange.
Und innen haben Kastanien keine Maserung,

sie sind nicht wie Holz.

Das wäre ein schönes Holz
und
ich würde alles daraus bauen, was mir beliebt,
mir
Scheiben von der Kastanie schneiden,
würde sie nur durch und durch so edel sein wie ihr Äußeres.
Aber das
ist leider nur eine Hülle.

Eicheln.

Die Amerikanischen

Eicheln

dick und rundlich.

Eine

lässt sich auf ihrer Spitze drehen und
gibt einen guten Kreisel ab.

Ich kicke
Eicheln gern.


Unversehrte Früchte schießen weit und springen,
in die Quere eines anderen Fußgängers.


Nachts knallen reife Früchte auf Autodächer.

Tags mahlen Autoreifen Eichelmehl.


Licht, buntes ~

Herbstblätter leuchten an trüben wie an sonnigen Tagen.

usw.


Der Wind macht, dass alles
so schön, aber auch
bald wieder
vorbei
ist.

Diese Raupe mag die gruftige Atmosphäre in Bodennähe

Spielzeug

Spielzeug an den verschiedenen Orten in der Wohnung
zeugt von einem Kind, vielleicht,
nicht immer, nicht nur,
in diesem Fall
tut es das. Und ich freue mich darüber, richtig froh bin ich,
dass um mich und neben mir, in meiner Reichweite, meiner
Sphäre jemand spielt. Dinge zum Leben erwecken - das geht
ganz automatisch, das muss er sich nicht vornehmen, so
geht das L eben. Das ist gewöhnlich. Ich habe mich längst
daran gewöhnt, dass sowas um mich herum passiert.
Verblüffend, wie selbstverständlich er das macht. Spielt.
Dann liegt es da, wo auch immer er war und es gemacht hat,
Zusammengestecktes, Gefaltetes, Umwickeltes, Männekieken
mit und ohne Kopf, lange Stöcker, kurze Stöcker, der Tresor
und ein Tiger voll auf der Nase, er macht es ja dauernd. Da
wäre noch viel mehr, denn er hört ja nicht auf, seine Schuhe,
der Ball, der Sand an beidem - heute ist Sturm, da darf er nicht
raus. Bald geht er aber ... und lässt mir Sand hier und den Rest,
dass ich damit spiele. Ist schließlich kein Museum, wo ich lebe.

Sonntag, 22. März 2015

Aufsatz zu einem selbstgewählten Thema

Rädertiere sind so ganz anders als Wurzelfüßer beispielsweise. Wer mit einem Rädertier persönlich bekannt wird, der ist zu beneiden. Täglich pflegt er, mit dem Rädertier zu speisen. Am quadratischen Tisch mit Tischtuch sitzen sie einander gegenüber, das Rädertier und sein Bekannter. Das Rädertier entspannter als er, der sich bei maximaler Ablenkung durch sein Gegenüber den Mund tupft. Am Mittwoch sind sie schon Freunde. Die Servietten zum Betupfen und zum Schutze der Person sind aus dem gleichen derben, weißen Stoff wie die Tischdecke. Das Rädertier kleckert nicht, es denkt nicht daran zu kleckern. Entspannt, doch nicht schlaff. Wie aufgezogen, doch ohne den negativen Touch. So sieht er es von vorn und du siehst es von der Seite speisen. Ohne Makel, nicht überzogen, nicht in sich zusammengesunken, nicht um Haltung und gute Manieren ringend. Er vergisst sich beim Anblick seines Freundes. Er schaut dem Rädertier direkt ins Mundwerk. Er verfolgt die Speise auf dem Wimpernkranz. Partikel für Partikel wird sauber transportiert. So flink kann der beste Klavierspieler nicht seine Finger bewegen, wie die Wimpern fächeln und klimpern, bis alles verputzt ist. Wenn das Tier nun sein Gegenüber zufrieden anlächelt, weil es weiß, dass es seinen Bekannten mit einem Lächeln zur Entspannung verhelfen kann, und wenn es genau hinschaut, sieht es um die Lippen leichte Spuren des Mahls. Das Lächeln kommt in Bewegung, die Wimpern schwirren wieder, der Bekannte fragt mit den Augen, er greift das Tischtuch, die Serviette liegt nutzlos auf dem Schoß, das Glas kippt, das Rädertier rutscht vom Stuhl mitsamt dem Aufbau. Also ich hätte doch lieber eine Katze, die schnurrt.